Badische Neueste Nachrichten, 10. August 2015

Fast wie Kain und Abel

Er strahlt und lächelt voll scheinbarer Bescheidenheit, er stolpert plötzlich, schlägt unversehens auf den Boden hin, bloß weil er versucht hat, nach einer seiner geliebten Süßigkeiten zu greifen. Er ist alt und tattrig, dann wieder jung, voller Elan, Tatendrang, Bosheit. Macht sich über seinen Blasendruck lustig und mimt bald drauf den geilen Bock. Er schleimt und säuselt, als müsste er die Welt mit dem Kunsthonig seiner falschen Demut kandieren, um urplötzlich knallhart den Machtmenschen und Intriganten herauszukehren, der vor nichts zurückschreckt. Der seinem Gott den Kampf angesagt hat, jenem Gott, vor dem er in seiner Jugend ein Gelübde abgelegt hat – derart innig, herzenstief und berührend, dass es auf der Freilichtbühne der Volksschauspiele Ötigheim einen Moment lang aussah, als stünden Sebastian Kreutz Tränen in den Augen. Kreutz spielt dort den Salieri in Peter Shaffers Drama Amadeus, das seit der Verfilmung durch Milo Forman (1984) zur Erfolgsstory wurde. Und Kreutz statt diese Theaterfigur mit den unterschiedlichsten und widersprüchlichsten, sympathisch-jungenhaften wie abgründig-abstoßenden Facetten aus. Schade, dass er nicht mehr im Badischen Staatstheater zu erleben ist, wo er einst unter der Ägide des Schauspieldirektors Knut Weber zum Staatsschauspieler avancierte.
Wandlungsfähigkeit verlangt allein schon die Rolle des Antonio Salieri (1750 bis 1825), denn Schaffer lässt den philosophischen Tonsetzer (wie ihn sein erster Biograf nannte) im Rückblick erzählen, wie es zu dem Konflikt mit Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) kam. Die Missklänge zwischen den beiden Komponisten mögen da und dort tatsächlich aufgetreten sein. Das freilich, was Shaffer schildert, hat mit den historischen Fakten wenig gemein, sondern nahm seinen Ursprung in Alexander Puschkins Drama Mozart i Saljeri von 1831. Seither kursiert das Gerücht, Salieri habe den sechs Jahre Jüngeren ermordet. Und so lässt denn Peter Shaffer sein Stück damit beginnen, dass der alte Italiener um Vergebung fleht – bis er sich dann in den jungen Salieri verwandelt, den zunehmend die Eifersucht auf Mozart verzehrt.
Die Geschichte hat nachgerade Kain-und-Abel-Format: Da Salieri, der seine Musik Gott weiht, aber in seinem Ringen um göttliche, geniale Musik allein gelassen wird, dort der ungehobelte, unbeherrschte, unflätige Mozart, dem die zauberhaftesten Inspirationen offenbar nur so zufliegen. Salieri, wiewohl Hofkompositeur in Wien und hoch angesehen, hadert und schmiedet Mordpläne.
Das alles ist eingebettet in eine gleichsam kaiserliche Atmosphäre, die der Regisseur Peter Lüdi in seiner geradlinigen, mitunter fast statischen Inszenierung wiederholt wachruft. Er lässt dazu die Ötigheimer Laiendarsteller ein ums andere Mal in ihren prachtvollen, von Heike Timpert gestalteten Kostümen auf der großen Treppe der Freilichtbühne posieren. Dort huldigen sie dann dem aufgeklärten Habsburger-Herrscher Joseph II., den Shaffer freilich ein bisserl deppert gezeichnet hat. Umso beachtlicher, wie es Kurt Tüg gelingt, seinen Part mit Würde auszustatten. Ihm stehen Rudi Wild als Kammerherr von Strack, Siegfried Kühn als Graf Orsini-Rosenberg und Claus Becker als Baron von Swieten zur Seite und repräsentieren jenen höfischen Konservatismus, an dem Mozart irgendwann zu verzweifeln scheint.
Denn das einstige Wunderkind ist – so will es Shaffer – kindisch geblieben, krabbelt seinem Stanzerl-Wanzerl wie ein übermütiger Bub hinterher und verzweifelt doch schier an der ständigen Geldnot, die ihn plagt. Bastian Nold bringt diese beiden Seiten des Musikers gut rüber, so wie es auch Anna Hug als seine Ehefrau Constanze Weber schafft, je nach Situation Ausgelassenheit oder Sorge zu vermitteln. Letztere überwiegt gegen Ende, und Salieri ist darüber immer bestens informiert dank seiner beiden Venticelli, windiger Zuträger, die Markus Wild-Schauber und Reinhard Danner mit der nötigen geldgierigen Zwielichtigkeit ausstatten.
In weiteren Rollen des nicht zuletzt dank der Auftritte von Sebastian Kreutz unterhaltsamen Abends sind Michael Kunzweiler, Paul Maier, Walter Kühn, Jennifer Walter und Gottfried Nold zu sehen. Petra von Rotberg spielt Salieris Ehefrau Theresa, der Shaffer wohl einigermaßen unrecht tut, wenn er den Komponisten behaupten lässt, sie sei fad und langweilig. Ganz so schlimm kann sie nicht gewesen sein: Immerhin hatte er acht Kinder mit ihr. Im wirklichen Leben versteht sich. (Michael Hübl)

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