Badisches Tagblatt, 20. Februar 2017

Etliche Register von Emotionen

Heftige Gefühle schlugen auf der Kleinen Bühne hohe Wellen am Samstagabend. Die jungen Akteure des Telldorfs spielten sich durch etliche Register der menschlichen Emotionen, waren in ihren intensiven Darstellungen sehr realistisch. Der Drache darf als bislang darstellerisch eindringlichste Arbeit des Volksschauspiele-Nachwuchses betrachtet werden.

Es ging darum, welchen Preis ich zahlen muss, um in unserer Gesellschaft zu funktionieren, als einigermaßen normal angesehen zu werden und unbeschadet durch den Tag zu kommen, wie Pfarrer Erich Penka in seinem Grußwort sagte.Der hauptberufliche Mime Sebastian Kreutz stellte als Regisseur des Spiels um das Menscheln angesichts des knechtenden Drucks durch Obrigkeiten ein Theaterprojekt vor, das auf einer Bühne mit professionell agierenden Schauspielern nicht besser hätte umgesetzt werden können.

Los ging es für die Premierengäste zum Vorglühen im Foyer, wo Torben Frey den Wartenden die Zeit bis zum Beginn der Aufführung verkürzte und gleichzeitig einen Vorgeschmack darauf gab, was man bei Kreutz gelernt hatte.

Fast monochrom in Grau, Anthrazit, Schwarz und Weiß ließ dieser die Akteure im Zimmertheater auftreten. Rot war als rarer Farbtupfer dabei. Die Eintönigkeit der Kostüme und spärliche Bühnenausstattung waren kein Manko. Sie gaben den Zuschauern Raum, sich vollständig auf die Darsteller zu konzentrieren und sich einzufühlen in deren Furcht, Angst, Hysterie, Freude, Liebe, Durchgeknalltheit, Heroismus, Ironie und Falschheit. Humor durfte nicht fehlen, denn Der Drache war gespickt mit feinsinnigem Witz und mitunter blankem Unsinn.

Überragend spielten Anna Beckert (Lancelot), Lucy Schindele (Bürgermeister) und Judith Herz (Drache). Eindruck hinterließen Torben Frey (Scharlemann/Esel) sowie Sarah Becker (Kater). Der absolute Knaller bot sich in Gestalt der Soundgruppe. Lukas Tüg, Chase Tolbert, Melanie Thilenius, Leonora Mihajlov, Madeleine Kühn und Sven Engel gaben mit vollem Stimmeinsatz und diversen Gebrauchsartikeln buchstäblich alles, um das Stück mit der szenisch abgestimmten Geräuschkulisse auszustatten. Wahre Meisterleistungen waren dabei der Flug des Drachens über die Stadt sowie der Zweikampf zwischen Lindwurm und draufgängerischem Helden.

Der russische Märchendichter und Bühnenautor Jewgeni Schwarz konzipierte seinen Drachen ganz klassisch. Er hat Krallen, drei Köpfe, spuckt Feuer und fordert jedes Jahr als Opfergabe eine Jungfrau aus der Stadt, in deren Nähe er seit 400 Jahren haust und die komplett unter seinem Kommando steht. Man hat das Leben mit dem Drachen akzeptiert, sich arrangiert. Schließlich schreckt er Feinde ab und hat eine Choleraepidemie abgewendet, indem er das Wasser eines Sees abkochte. Die Angst vor dem Drachen regiert die verkrüppelten Seelen. Deren Widerstand liegt im Koma. Als der professionelle Held das Monster zur Strecke bringt, wittert der Bürgermeister Morgenluft: Der Selige hat sie so erzogen, dass sie jedem gehorchen, der die Zügel in die Hand nimmt. Die Moral: Ist ein Drache weg, steht der nächste schon parat. Die Welt ist voller Drachen, egal in welcher Gestalt. (Manuela Behrendt)

zurück zum Pressespiegel