Badisches Tagblatt, 30. März 2016

Es geht wieder los!

Immer wieder greift sich an diesem Montagnachmittag auf dem Tellplatz der heftige Wind einen Stoß Notenblätter und verteilt sie über die Bühne. Wetterkapriolen begleiteten die erste Volksprobe, mit der die Volksschauspiele Ötigheim (VSÖ) traditionell an Ostern in die Freilichtsaison starten.

Auch Bürgermeister Frank Kiefer, zweiter Vorsitzender der VSÖ, ist mit seiner Familie dabei, als es heißt: Es geht wieder los!.

Ein Blick auf die 250 Mitstreiter, die vor, auf, hinter und abseits der Bühne ihre Aufgaben finden, zeigt erwartungsvolle Gesichter. Nur Regisseur Peter Lüdi ist „sehr nervös“. Er inszeniert „Les Misérables“ (Die Elenden) nach dem Roman von Victor Hugo. Ich habe heute großes Lampenfieber, räumt er ein. Er müsse sich vier Jahre nach Der Glöckner von Notre Dame für das neue große Volksstück erst wieder ein bisschen eingewöhnen. Daher erfordere die schwierige und wichtige erste Probe viel Konzentration.

Als entspanntes Gegenstück begrüßt der musikalische Leiter Ulrich Wagner die Aktiven: Wir fangen nach den Chorproben im geschlossenen Raum heute im Freien bei null Prozent an; keine Panik vor Patzern, Blackouts sind völlig normal, einfach die Ruhe bewahren, bei der Premiere liegen wir wieder bei 100 Prozent.

Lüdi baut auf die enge Teamarbeit mit Wagner: Ich bin vieles, aber kein Musiker. Bei der Tellplatz-Inszenierung handelt es sich nicht um das bekannte Erfolgsmusical. Trotzdem sind Gesang und Musik zu hören. Es gibt für die Ötigheimer Variante komplett neue Kompositionen mit filmmusikartigen Orchesterstücken, die wir im Mai mit den Baden-Badener Philharmonikern aufnehmen, macht Wagner Appetit auf Les Misérables. Diesen verstärken das auf den Seitenpartien im Umbau befindliche Bühnenbild von Bettina Scholzen und die tollen Bauten von Michael Lerner. Der Sinai ist weg, die Alpen sind zurück; der Tempel ist einem Kirchlein gewichen. Unverändert bleibt die Kathedrale im Zentrum der Bühne. Der Hingucker ist eine gewaltige Galeere, auf der Romanheld Valjean seine Strafe für das Stehlen eines Brots abarbeitet.

Mit Matthias Götz (Inspektor Javert) und Martin Kühn (Jean Valjean) spielen zwei erfahrene Tellplatzgrößen in den besten Jahren die Hauptrollen der interessanten Kontrahenten. Für die aufstrebende, junge Riege der VSÖ-Talentschmiede stehen Anna Beckert und Lena Bilharz (Cosette), Alexander Grünbacher (Marius), Stephanie Kuhn (Éponine) sowie Johannes Kühn (junger Valjean).

Die Hauptakteure sind an diesem Ostermontag jedoch zweitrangig. Es geht um den groben Durchlauf der zwölf Volksszenen, in denen der große Chor und die Statisterie hungernde Frauen, Galeerensklaven, Arbeiterinnen, Handwerker, Wirtshausgäste, Nonnen, Mönche, rebellierende Studenten, Adlige und eine Hochzeitsgesellschaft mimen.

Ich möchte heute sehen, ob das, was ich geschrieben habe, auch funktioniert, sagt Lüdi, der sich viel Mühe macht, jede Szene ausführlich zu erklären. Ihr seid erschöpfte, kaputt gemachte Männer, ihr bewegt euch müde und schleppend, verdeutlicht er den Galeerensträflingen.

Noch fehlt es den Gendarmen merklich an Haltung, den hungernden Frauen an Gram – aber bis zur Premiere am 11. Juni wird das aufs Feinste ausgereift sein. (Manuela Behrendt)

zurück zum Pressespiegel