Badische Neueste Nachrichten, 30. März 2016

Gebeugter Gang soll Last glaubhaft zeigen

Ich habe Lampenfieber, begrüßt Peter Lüdi die rund 250 Kinder, Frauen und Männer, die auf den Zuschauerrängen der Volksschauspiele Platz genommen haben. Ich bin richtig nervös, das wird eine schwierige Probe, bei der ich voll konzentriert sein muss. Peter Lüdi ist der Regisseur von Les Miserables, und es ist seit vier Jahren wieder das erste Stück für ihn, in dem große Volksszenen dabei sind. Vor vier Jahren war es Der Glöckner von Notre Dame.
Zum ersten Mal hört er an diesem Ostermontagnachmittag die Musik, die eigens für diese Inszenierung komponiert wurde. Ein Komponist aus Düsseldorf hat sie geschrieben, erklärt Musikchef Ulrich Wagner. Sie sei im Stile kräftiger Filmmusik, ein wenig Prokofiev und mit Anklängen an die 1920er Jahre, so Wagner, der an diesem Nachmittag am Keyboard sitzt und mit den heftigen Windböen kämpft, die immer wieder die Notenblätter über die große Freilichtbühne wirbeln. Im Mai wird die Musik dann von Baden-Badener Philharmonikern eingespielt freut er sich auf die große Orchestermusik. Seine Ötigheimer Chöre proben schon seit November, aber er ist sich sicher, sagt er bei der Begrüßung, dass alles auf Anfang steht.
Peter Lüdi ruft die Kinder und den Frauenchor zu sich: Wir stellen jetzt die Szene mit dem Hungerlied, und teilt die Gruppe auf. Die einen ziehen vom Seeweg hin zur großen Freitreppe, die anderen kommen von der anderen Seite her. Ihr müsst eng zusammenbleiben, nehmt die Kinder an der Hand und geht nicht zu langsam. Und da vorne stehen bei der Aufführung noch ein paar Pferde, aber die stehen nur und ihr müsst euch zur Freitreppe hin orientieren. Ulrich Wagner spielt die ersten Takte, die Frauen kommen und singen vom Hunger in der Woche und der Aussichtslosigkeit ihrer Situation. Mit ihrem Schritttempo ist Peter Lüdi zufrieden, das war nicht zu langsam, aber bleibt enger zusammen, auch wenn ihr singt.
Schon gleich in seiner Begrüßung hat er mit seinem sympathischen Berner Dialekt gesagt, Wir sind hier im Theater, da duzen sich alle. Zu Ulrich Wagner gewendet, will er wissen, wie lange die rein instrumentale Einleitung ist: Zehn Takte. Wie viel in Sekunden? Etwa 37 Sekunden. Und dann müsst ihr singend losgehen, damit ihr gleichzeitig am linken Rand der Freitreppe ankommt. Die Szene wird noch einmal geprobt, diesmal klappt es schon besser mit dem gleichzeitigen Singen und Gehen. Der Regisseur stellt sich vor die Frauen und schaut sich bewusst ihre Aufstellung an. Wo die imaginäre Trennlinie zwischen Sopran und Alt ist, will er wissen und ruft eine der Frauen zu sich, die an einer für ihn guten Position steht: Du spielst die Schwester von Jean Valjean mit ihren sieben Kindern. Die stehen dann neben Dir wie die Orgelpfeifen.
Während die Frauen ihr Hungerleid anstimmen, wird oben auf der Bühne Jean Valjean zu fünf Jahren Zwangsarbeit auf der Galeere verurteilt, weil er für die hungernden Kinder seiner Schwester ein halbes Brot gestohlen hat. Das ist kein naturalistischer Auftritt, erklärt Peter Lüdi, wie er die Szene sieht. Das ist eher wie ein Geisterchor, der sinnbildlich steht für die Hungernden Frankreichs. Und fügt hinzu, dass sich die Frauen an die Bilder aus Syrien erinnern sollen, wo die Kinder ebenfalls in einigen Regionen vor dem Verhungern sind und die Mütter verzweifeln.
Überhaupt versucht er mit aktuellen Bildern den Darstellern zu erleichtern, in ihre Rollen zu finden. So auch den Gefangenen, den Galeerensklaven, die gebeugt sind von der harten Arbeit, müde und erschöpft. Und den Trupp Soldaten fragt er als erstes: Wart ihr beim Bund? Er möchte sich an dieser ersten Volksprobe orientieren, sich in die Musik hineinfinden, die für die Atmosphäre eine ganz wichtige Rolle spielt. Alles ist erst einmal grob, ich will schauen, wie sich meine Ideen auf der Bühne umsetzen lassen, wie sie wirken.
Von der Bühnengestaltung ist schon ganz viel fertig: Das Klostertor mit der Klostermauer steht, hinter der Jean Valjean am Lebensende Zuflucht findet, die Schaukel, auf der später Thenardiers Kinder schaukeln werden, das Tor zum Haus von Cosette und die Galeere. Jetzt machen wir mal das Grobe, wie ihr mühselig gehen sollt, wie die Hände und die Mimik sein sollen, das kommt später, sagt er nicht nur zu den Darstellern, sondern auch ein wenig zu sich selbst. Denn, als die Männer an gedachten Seilen die Galeere ziehen, zeigt er schon mal, wie der gebeugte Gang unter der schweren Last glaubhaft dargestellt werden muss.
Am 16. Juni 2016 haben Les Miserables nach Victor Hugo Premiere und fesseln dann in insgesamt acht Vorstellungen die Zuschauer mit der entbehrungsreichen Lebensgeschichte des Jena Valjean, der wegen Brotdiebstahls zur Zwangsarbeit auf der Galeere verurteilt wird. Später kommt er frei, baut sich ein neues Leben auf mit Cosette, der Tochter der Prostituierten Fantine, die sich bei den Studentenrevolten 1832 in einen revolutionären Studenten verliebt. Immer gejagt von Inspektor Javert, der dem ehemaligen Gefangenen sein neues Leben missgönnt. (Martina Holbein)

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