Badische Neueste Nachrichten, 19. April 2017

Entwicklung eines neuen Rebellen

Der 111. Theatersommer auf Deutschlands größter Freilichtbühne naht mit großen Schritten. Bald spielt wieder Volk fürs Volk – diesmal zu Ehren eines Mannes, der mit der Veröffentlichung seiner 95 Thesen gegen den Ablasshandel der römisch-katholischen Kirche und sein Postulat vom Priestertum aller Glaubenden die Reformation einleitete. Beim Beitrag der Volksschauspiele zum Jubiläum 500 Jahre Reformation geht es freilich nicht um die Geschichte der Reformation. In Felix Mitterers Schauspiel Luther, mit dessen Uraufführung am 18. Juni um 14.30 Uhr (Vorpremiere am 17. Juni um 20 Uhr) der Theatersommer startet, gehe es, wie der Titel schon verrät, um den Menschen Martin Luther.

Im Zentrum stehen 20 Jahre seines Lebens, in denen in großen Entwicklungsbögen die starke Veränderung dieses Mannes von einem zerrissenen, unsicheren Menschen zum großen Reformator nachgezeichnet wird, berichtet Regisseurin Rebekka Stanzel im Vorfeld der traditionellen ersten Volksprobe am Ostermontag. Bevor sie mit den Volksszenen, die im Stück breiten Raum einnehmen, richtig loslegen kann, teilt sie verschiedene Gruppen mit den jeweiligen Gruppenleitern ein. Handwerker, Händler, Bauern, Marktfrauen, Mönche, Nonnen, Bettler, Gaukler und Landsknechte laufen kreuz und quer über den Platz. Hier und dort wird das Kommen und Gehen gestört durch Reiter, die achtlos durchpreschen, und eine Kutsche mit Adligen auf Landpartie, die fast eine Gruppe Bauern überfährt. Dazwischen Luther. In dem jungen Mann tobt ein inneres Gewitter. Er spürt: irgendetwas muss sich ändern. Er beschließt Mönch zu werden.

Beleuchtet wird ab diesem Vorspiel die Entwicklung des frommen Rebellen von seinem Eintritt ins Augustinerkloster im Juli 1505 bis hin zu den Bauernkriegen, seiner Heirat mit Katharina von Bora und dem Massaker an den Bauern bei Frankenhausen/Kyffhäuser im Jahr 1525. Mit voraussichtlich bis zu 400 Mitwirkenden, großen Chören, Reiterei, Tanz und opulenter Ausstattung zeichne das Schauspiel Luthers Weg nach, berichtet Stanzel, die 2013 mit der Inszenierung des Schauspiels Der Name der Rose nach dem Roman von Umberto Eco ihre Visitenkarte in Ötigheim abgegeben hatte.

Im März begann sie vor der neuen Kulisse mit der Wartburg mit den Außenproben. Wobei sie nicht verhehlt, dass sie unter einem gewissen Zeitdruck steht. Der Tiroler Gegenwartsautor und Volksstück-Schreiber Felix Mitterer (Franz von Assisi, 2008) lieferte das von den Volksschauspielen in Auftrag gegebene Stück relativ spät. Der Text kam Mitte August vorigen Jahres, hatte filmische Züge, war in der vorliegenden Form nicht spielbar und musste erst noch bearbeitet werden, sodass wir erst im Dezember eine spielbare Vorlage hatten, erzählt Stanzel, die trotz verkürzter Vorlaufzeit zusammen mit dem engagierten Ensemble alle Herausforderungen meistern möchte. Dazu zähle auch die sehr anspruchsvolle Bühnenmusik von Hans-Peter Reutter. Der Große Chor hält sich hervorragend. Sie freue sich über die tollen Möglichkeiten der Bühne und die Arbeit an einem komplexen Stück, das mit seinen vielen Gegenwartsbezügen zu einer spannenden Reise zu vermeintlich fernen Ereignissen werde.

Vorurteile und vorgeformte Ideen in Bezug auf Luther, eine Person, über die man viel zu wissen glaubt, würden hinterfragt, berichtet Stanzel, die eine Aufführungsdauer von dreieinhalb Stunden inklusive Pause anstrebt. Das Ensemble bestehe – abgesehen von dem 46-jährigen Hauptdarsteller Simon David Grossenbacher aus der Schweiz – nur aus Laien. Als Regieassistentinnen stehen der diplomierten Theaterwissenschaftlerin Sabine Speck und Sabine Stößer zur Seite, für das Kostümbild zeichnet Karel Spanhak verantwortlich. Großen Wert legt Stanzel auf die Arbeit am Textinhalt und der Sprache. Zumal es ja Luther war, der dem Volk aufs Maul geschaut und die deutsche Sprache revolutioniert hat. (Ralf Joachim Kraft)

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