Badisches Tagblatt, 10. Juni 2015

Engels-Gesang und Teufelsbrut

In großangelegten, symbolträchtigen Bildern und präzise ausgearbeiteten Szenen vor weitem Hintergrund erzählt Regisseur Stefan Haufe auf der Freilichtbühne Ötigheim die Leidensgeschichte Jesu, die vor mehr als 2000 Jahren spielt. Haufe knüpft im Stück Die Passion überraschende Verbindungen zwischen der Gegenwart und dem Jahr 33 nach Christi Geburt, springt von der Apple-Watch-Ära in das von Römern geknechtete Judäa.

Zuweilen bricht er in seiner Inszenierung mit traditioneller Denkweise: In der 109. Spielzeit der Volksschauspiele gibt es erstmals einen weiblichen Luzifer. Ulrike Karius teilt sich diese Rolle mit Martin Kühn. Der Widerpart von Jesus Christus ist laut Karius eine androgyne Gestalt, so dass er die Verkörperung durch eine Frau zulässt. Naturgemäß kann der Höllenfürst vielerlei Charaktere beiderlei Geschlechts annehmen, um zu manipulieren und zu verführen. Nach Haufes Willen bewegt sich der gefallene Engel mitunter im Auditorium, kommentiert von dort das Geschehen um das Leben und Sterben des Mensch gewordenen Gottessohns.

Das Outfit für Martin Kühn und mich ist exakt gleich geschneidert, erzählt Karius. Weltmännisch elegant, mit diabolischer Überlegenheit kommt Luzifer daher. Kantig schattiert der Maskenbildner das Gesicht von Ulrike Karius, lässt ihre weichen Züge hinter kalter Strenge verschwinden. Bei mir muss viel Farbe ins Gesicht, denn einen tollen, markanten Bart wie Martin kann ich nicht vorweisen. Mit Feuer und Flamme erzählt sie von ihrer gewichtigen Rolle (Den Luzifer zu spielen, ist für mich eine Riesenehre) sowie den Neuheiten in Haufes Inszenierung.

Karius begann ihre Tellplatz-Karriere im Alter von drei Jahren. Die Eltern „schleppten mich mit“, denn sie bewirtschafteten die Spielerkantine. Die Großmutter war Altistin im Chor. Karius probierte sich im Lauf der Jahre in verschiedenen Funktionen im Amateurtheater aus. Schließlich gewann die darstellerische Seite Oberhand. Beachtliche Titelfiguren lieferte sie als Agnes Bernauer und Lysistrata ab. Die Volksschauspiele gehören zu meinem Leben, betont die 50-Jährige, die sich künftig in spannenden bösen Rollen sieht.

Martin Kühn zählt ebenfalls zu den festen Größen der Volksschauspiele. Mit seinem Luzifer-Part beweist er einmal mehr seine Vorliebe für fiese, zwielichtige und gruselige Typen. In jüngster Zeit glänzte er als Kaiphas (Jesus Christ Superstar), Dom Claude Frollo (Der Glöckner von Notre Dame) sowie Jorge von Burgos (Der Name der Rose). Seinen Weg als Musketier (ein heldenhaft Guter!) kreuzte Ulrike Karius als intrigante Lady de Winter, fand dabei Gefallen an der Vielschichtigkeit des Bösen. Im Schwarzwaldmädel war sie Sympathieträgerin im Part der bis zur Unkenntlichkeit hexengleich geschminkten alten Traudel.

In der gleichen Produktion gab die junge Sopranistin Lisa Hähnel ihr beeindruckendes Debüt als Bärbele unter dem Dirigat ihres sehr stolzen Entdeckers Ulrich Wagner, Kapellmeister am Badischen Staatstheater in Karlsruhe und musikalischer Leiter der VSÖ. In der Leidensgeschichte Jesu übernimmt sie in Doppelbesetzung mit Christina Gailfuß die Rolle eines Engels, dessen Gesang man in bisherigen Versionen körperlos vom Band einspielte. In der Aufführung nach der Jahrtausendwende strich man die aus Saiers Urfassung stammenden Engels-Arien komplett. Haufe wertet in seiner Inszenierung den singenden Himmelsboten, der in Begleitung von fünf kindlichen Engeln auftritt, deutlich auf, unterstreicht mit der Figur bedeutende Stationen der Erzählung.

Christina Gailfuß ist hauptberuflich fern von Gesang tätig. Dem VSÖ-Ensemble gehört die 33-Jährige seit 25 Jahren an. Nach der Darstellung einer Zofe in My Fair Lady bewegen sich ihre Sopranpartien in anspruchsvollem Aufwärtstrend. Die weltberühmte Arie Wie soll ich ihn nur lieben der Maria Magdalena sang sie in Jesus Christ Superstar. Das Bärbele spielte sie in Doppelbesetzung mit Lisa Hähnel, die aktuell zu ihren Stimmausbildern gehört. Gesangsunterricht nahm Gailfuß zuvor zehn Jahre lang bei der 2012 verstorbenen Opernsängerin Pamela Hamblin.

Hähnel ist seit 2011 festes Mitglied im Extrachor des Badischen Staatstheaters. In der Fächerstadt schloss sie an der Hochschule für Musik im Frühjahr den Studiengang Gesang ab, setzt inzwischen ihre Ausbildung im Opernfach fort. Seit Januar zeichnet sie bei den VSÖ verantwortlich für Stimmbildung im jungen und großen Chor. Hähnel begeistert sich für den enormen Enthusiasmus der Ötigheimer Amateure auf der Freilichtbühne: Ich freue mich sehr, hier mitmachen zu dürfen. (Manuela Behrendt)

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