Badische Neueste Nachrichten, 1. Juni 2015

Eine sinnfrohe Parabel mit viel Musik

Freitagabend, 18 Uhr auf dem Tellplatz: Die erste, rund dreistündige Fotoprobe für das Schauspiel Amadeus des Dramatikers Peter Shaffer steht an. Die Darsteller tragen fürs Foto-Shooting prächtige Rokoko-Kostüme und Perücken. Fürs Kostümbild zeichnet Heike Timpert aus Baden-Baden verantwortlich. Als die Akteure in verschiedenen Szenen von einem Profifotografen zu Werbe- und PR-Zwecken aufs Bild gebannt werden, hat das Team um Chefmaskenbildner Karl-Heinz Kellermann schon ganze Arbeit geleistet.
Bespielt wird gerade die große Freitreppe, auf der einige Rokoko-Stühle und Tische stehen, später ein großes Podest auf dem Proszenium (vorderer Bühnenbereich), auf dem rechts auch ein Flügel Platz findet. Regisseur Peter Lüdi, der von Regieassistentin Sabine Speck unterstützt wird, plaudert über Shaffers berühmtes Stück, das 1979 am Nationaltheater London uraufgeführt, in aller Welt erfolgreich gespielt, 1984 von Milos Forman grandios verfilmt und mit acht Oscars ausgezeichnet wurde.
Seit mehr als 30 Jahren inszeniert der heute 74-jährige frühere Intendant des Theaters Baden-Baden (1996 bis 2004) für die Volksschauspiele, zuletzt Romeo und Julia von William Shakespeare, Die drei Musketiere nach Alexandre Dumas und Der Glöckner von Nôtre Dame nach Victor Hugo. Die Regiearbeit mit den Ötigheimer Spielern auf der riesigen Freilichtbühne ist immer wieder neu, aufregend, vergnüglich und eine starke Herausforderung, betont der Theater-Profi, der nach einer ersten Leseprobe im November Mitte Januar mit den Proben startete und damit seine achte Inszenierung auf dem Tellplatz in Angriff nahm. Wir stehen nicht unter Zeitdruck und können es ruhig angehen lassen, verrät Lüdi, der nach der Premiere von Saiers Passion am 14. Juni volle Pulle durchstarten möchte. Shaffers Amadeus wird ab 7. August insgesamt sechsmal auf Deutschlands größter Naturbühne zu erleben sein. Die Hauptrollen spielen VSÖ-Eigengewächs Bastian Nold (Mozart) und Staatsschauspieler Sebastian Kreutz (Salieri). Insgesamt werden 15 Rollenträger ihre Visitenkarte abgeben und rund 20 Statisten mit von der Partie sein. Lüdi verspricht den Besuchern ein Schauspiel über Genie und Mittelmaß, über Legende und Wahrheit.
Wurde Mozart von seinem Rivalen, dem Wiener Hofkomponisten Antonio Salieri, vergiftet? Shaffer habe auf der Basis der Gerüchte, Ungereimtheiten und Spekulationen um Mozarts Tod, die sich, obwohl längst widerlegt, bis heute halten, einen Psychothriller mit metaphysischem Hintergrund geschaffen, der hervorragend zu den Gegebenheiten auf der Freilichtbühne passe. Selbst die Kirche Nôtre Dame als Hintergrund habe einen starken Bezug zu dem aufregenden Theaterkrimi, der sich aus der Perspektive des gottesfürchtigen Hofkomponisten Salieri auf die Spuren des genialen Götterlieblings Mozart begibt. Salieri erinnert sich seines vertanen Lebens und seines Kampfes mit seinem Rivalen, den er zu vernichten trachtet. Der Gottesfürchtige kann und will nicht begreifen, dass Mozart, ein ungezogener Kindskopf und Hallodri, das auserwählte Genie ist, neben dem sein eigenes Können zum Mittelmaß schrumpft. Er beginnt mit seinem Gott zu hadern, will ihm eine Lektion zu erteilen, entscheidet sich für das Böse und unternimmt – von Neid und Eifersucht zerfressen – fortan alles, um Mozarts Karriere zu behindern, sein Leben zu zerstören und ihn in den Tod zu treiben.
Wird der Gottesfürchtige von Gott geliebt? Wird er belohnt oder gar gezüchtigt?, lautet für Peter Lüdi eine der wesentlichen Fragen des Stückes. Während Salieris kompositorisches Werk in völlige Vergessenheit geraten ist, wird das Wunderkind Mozart, das zu Lebzeiten rasant aufgestiegen und tief gefallen ist, heute von aller Welt verehrt. Diese pralle sinnenfrohe Parabel um den Kampf zwischen Genius und Gewöhnlichkeit entfaltet sich auf der Freilichtbühne in prachtvoller Rokoko-Manier als bunter Bilderbogen mit viel Musik. Ich werde nur die besten Aufnahmen verwenden, verspricht Lüdi. (Ralf Joachim Kraft)

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