Badisches Tagblatt, 6. Juli 2017

Eine Rutsche für Baghira

Regisseur Fritz Müller versetzt auf der Freilichtbühne Ötigheim am kommenden Samstag Hunderte von Kindern in die abenteuerlichen Tiefen des indischen Dschungels, erzählt mit viel Musik die spannende Geschichte von Findelkind Mogli, Bär Balu sowie Panther Baghira aus dem Roman von Rudyard Kipling.

Moment mal! Urwaldfeeling auf dem Tellplatz? Das Badisch-Tropische dieser Tage passt ja. Aber Lianen, dichtes Gestrüpp, Palmen und Bananenstauden? Gerade erst entstand doch mitten auf der Hauptbühne eine mittelalterliche Trutzburg. Wie passt die denn ins Bild? Wegzaubern können wir sie nicht, sagt Michael Lerner, Leiter der Technikabteilung, und seit sieben Jahren hauptamtlich für die Volksschauspiele Ötigheim tätig. Dennoch muss die Umgestaltung zwischen Luther, wo das Kastell die Wartburg doubelt sowie beim Bildersturm im Mittelpunkt steht, und Dschungelbuch – Das Musical ohne großen Aufwand erfolgen, denn nach dem Kinderstückintermezzo wird der Blick auf das Leben des Reformators weitergespielt. Die Festung verschwindet beim Kinderstück mittels optischer Spielereien, erklärt Lerner. Türen und Fenster der Burg sind im Dschungelbuch offen, der Zuschauer sieht durch die Öffnungen Urwaldgestrüpp, erhält so die Illusion eines zugewachsenen Gebäudes. Kokospalmen und Bananenstauden, die Bühnenbildnerin und Kulissenmalerin Bettina Scholzen mit viel Kleinarbeit fertiggestellt hat, sowie Sträucher komplettieren das Bild.

Mittig auf der Freitreppe zeigt sich das Reich von King Louie. Der Steinthron des hektischen Affenkönigs lenkt alle Blicke auf sich. Zwischen Hauptbau und See lebt Panther Baghira auf einer mächtigen Wurzel, umgeben von Urwaldbäumen. Als Basis dient eine 2,6 Meter hohe Plattform mit den Grundmaßen sechs auf drei Meter. Sie fand bereits als Haus der Kleinen Hexe Verwendung. Mittels einer Rutsche gelangt Baghira von seinem erhöhten Wurzelausguck nach unten. Die Darsteller auch im Zuschauerraum agieren zu lassen, ist ein weiteres Plus, um von der Burg abzulenken. Das planerische Vordenken für ein Bühnenbild beginnt sehr früh. Seit Herbst stimmte sich Scholzen mit den Regisseuren ab, denn an den Kulissen für die drei neuen Produktionen im diesjährigen Theatersommer arbeiten wir parallel.

Lerner erklärt: Ein Bühnenbild wächst mit dem Entstehen; Feinarbeiten schmeißen wir manchmal komplett über den Haufen und bringen neue Einfälle mit rein, oft erst kurz vor der Premiere. Scholzen und Lerner sind ein eingespieltes, professionelles Kreativteam mit Weitblick, das sich jeder Herausforderung stellt. „Etliche Überstunden“ gehören dazu. Welche Wünsche der Regisseure vom Tag der ersten Arbeitsbesprechung bis zur Premiere schlussendlich in ihrer ursprünglich Rohform umsetzbar sind, erkennen wir gleich am Anfang, dann haben wir bereits die Vision, wie es am Ende aussehen wird, erklärt Scholzen. Gibt es Ideen der Regisseure, die gar nicht gangbar sind? Fast alles ist möglich, sofern es Brandschutz- und Sicherheitsaspekte zulassen, denn Spieler, Zuschauer und Mitarbeiter hinter den Kulissen müssen jederzeit geschützt sein, sagt Lerner.

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