Badisches Tagblatt, 23. Juni 2014

Eine himmlische Gaudi über Leben und Tod

Wann der Tod kommt, kann eigentlich nicht ausgehandelt werden: Doch mit goldigem Humor, viel Kirschgeist und Gaudi schafft es ein alter Tegernseer Bazi, dem Boanlkramer noch ein paar Lebensjahre abzuluchsen. In Gerhard Franz Bruckers Neuinszenierung des bayrischen Schauspielklassikers Der Brandner Kaspar und das ewig‘ Leben auf der Ötigheimer Freilichtbühne werden zünftiges Volkstheater und Komik aufs Köstlichste gemischt. Und so löst sich in der unglaublichen G’schicht das Unheimliche des schwarzen Knochenmanns im weißblauen Bilderbogen (Bühne: Bettina Scholzen) auf.

Das ewige Drama um Leben und Tod von Kurt Wilhelm und Franz von Kobell ist bei den Volksschauspielen eine musikalische Komödie mit viel Jägerei, in der der Bauernschädel beim listig aufgeschobenen Himmelfahrtskommando von Trachtenchören, Musikkapelle und Ringelreigen der Dirndln unter der musikalischen Leitung Ulrich Wagners aufmunternd begleitet wird.

Das hintersinnige Stück stand zuletzt vor 20 Jahren auf dem Spielplan der Volksschauspiele. Damals setzten die Ötigheimer auf den bayrischen Volksschauspieler Toni Berger als kauzigen Boanlkramer mit listigen Augen, der sich frierend die zittrigen Hände rieb (2005 starb der Münchner). Zur Eröffnung der Spielsaison 2014 stemmen die Ötigheimer ihren neuen Brandner Kaspar vollkommen mit eigenen Kräften. Und das gelingt so pfiffig wie gewitzt, zumal sich die schauspielbegabten Badener das Bayerische erstaunlich gut antrainiert haben.

Mit Wortwitz und fein dosiertem Slapstick machte Reinhard Danner bei der Premiere am Samstagabend aus dem Boanlkramer eine sehr menschliche Figur, einen noch recht vitalen, gutmütigen Vagabunden mit Fistelstimme, den die schicksalhaften höheren Aufträge selbst in Jammerton verfallen lassen. Das weiße Gesicht gibt ihm auch was Mephistophelisches, ein Verführer, der so neugierig wie verführbar ist. Und der Tegernseer Bauer Brandner von Fritz Müller hat es faustdick hinter den Ohren. Der alte Haudegen, kantig und schlitzohrig, hält sich mit Wildern über Wasser und hat auch sonst einen Hang zum Tricksen. Als ideales Komödiengespann haben sie in der kargen Hütte am Fuße der himmlischen Prachttreppe mit herrlichen Kabinettstückchen gepunktet. Auch der begabte Ötigheimer Nachwuchs ist mit Spielfreude dabei: Anna Hug als Brandners aufgeweckte Enkelin Marei, hinter der zwei hitzige Verehrer herjagen, der Wilderer Flori (Florian Müller) und der Jäger Simmerl (David Kühn).

Der Jugend mit Kühnheit voraus ist Müllers Brandner, der sich dem Tod entronnen unbesiegbar fühlt, nicht nur, wenn er den Bürgermeister foppen kann (schön ehrenkäsig gespielt von Roman Gallion), sondern auch bei den G’stanzln, den bayrischen Spottgesängen, den die Dörfler zum 75. Geburtstagsfest des Brandners anstimmen. Da eifern die fünf Ötigheimer G’stanzl-Sänger den Well-Brüdern nach.

Auf der Freilichtbühne zünden die Pointen, und das Publikum geht begeistert mit. Das ist auch den strahlenden Tänzerinnen im Krachledernen ein Ansporn, die den bayrischen Schuhplattler ganz ordentlich draufhaben (Choreografie: Andrei Golescu, Julia Krug). Von Anfang bis zum Schluss wird geklatscht, wenn die Ötigheimer Musikanten aufspielen. Alles, was die Waldbühne mit ihrem Bergpanorama so besonders macht, wird für die Tegernseer Landpartie genutzt: Vom Aufgalopp zur Jagd mit Jagdhornbläsern und Herzogspaar in der Kutsche, bis zum großen Auftritt des schon schauspielbegabten schwarzen Pferds vom Boarnlkramer, das auch allein weiß, was es zu tun hat.

Regisseur Brucker lässt kaum ein bayrisches Klischee aus und baut alles sinnig und humorvoll in die Aufführung ein – bis hinauf in den siebten Himmel, den auch die Preußen für sich beanspruchen, obwohl dort die Bayern schon ewig leben. Der Portner (gespielt von Markus Wild-Schauber), der gerade vom Weißwurst-Essen kommt, muss die Gemüter der Seinen beruhigen: Koa Angst, mir lassen s? scho net rei. Sonst wär’s ja koa Paradies nimmer – und so lässt sich der Himmelspförtner Petrus auch nicht von den Redelawinen des ungehaltenen Preußen-Generals beeindrucken, der irritiert ist übers Weiterleben des Brandners, weil er auf dessen Grundstück spekuliert: Die Preußen sprechen ihren ganzen Denkvorgang mit. Der Bayer gibt’s Ergebnis nur bekannt.

Der Himmel gerät langsam in Aufruhr über den Kartentrick des Brandner Kaspars. Also muss der Boanlkramer ein weiteres Mal runter, um den säumigen Sünder zu holen und kommt dabei auf die Idee, den Alten die Freuden auf die paradiesische Ewigkeit sozusagen vorkosten zu lassen. Damit er endlich freiwillig mitkommt. So fügt sich das bayrische Lokalkolorit in dem dreistündigen Spiel bis zum vergnüglichen Ende im Himmel. Alles jubiliert und lacht – und am Ende der Späße gibt es Standing Ovations für die liebevoll-humorige Inszenierung von Gerhard Franz Brucker und das gesamte Ensemble. (Christiane Lenhardt)

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