Badische Neueste Nachrichten, 23. Juni 2014

Ein Schnippchen schlagen

Die Parforcehörner ertönen. Der angeschossene Hirsch wurde endlich im Unterholz entdeckt. Jäger Simmerl legt eilig sein Gewehr an und schießt. Der laute Knall lässt das Publikum zusammenzucken. Getroffen wurde jedoch nicht das Wild, sondern Kaspar Brandner. In Ötigheim feierte jetzt Gerhard Franz Bruckers humorvolle Inszenierung „Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben“ seine Premiere. Die Figur des rüstigen Bajuwaren geht auf eine Erzählung Franz von Kobells von 1971 zurück. Dessen Ururgroßneffe, der Autor und Regisseur Kurt Wilhelm, schuf eine Bühnenfassung, die 1975 im Münchener Residenztheater uraufgeführt wurde und die sich seither größter Beliebtheit eröffnet. Bei den Volksschauspielen eröffnete nun die Geschichte des gewitzten Mittsiebzigers den 108. Theatersommer auf Deutschlands größter Freilichtbühne ein.

Der Boanlkramer (Reinhard Danner), wie der Tod in Bayern genannt wird, soll Kaspar Brandner (Fritz Müller) in seinem 72. Lebensjahr ins Jenseits begleiten. Doch da dieser sich nach dem Streifschuss noch quicklebendig fühlt, überredet er den amüsanten Sensenmann dazu, mit ihm Kirschgeist zu trinken und Karten zu spielen. Durch eine List gewinnt der trinkfeste Bayer weitere 18 Lebensjahre. Dem heiligen Portner (Markus Wild-Schauber) ist dies jedoch ein Dorn im Auge, weshalb der Boanl die Abweichung im Heilsplan mit allen Mitteln wieder in Ordnung bringen muss. Es geht um Leben und Tod!

Damit sich der Zuschauer sofort in Bayern heimisch fühlt, üben die Frauen, Männer und Kinder der Spielergemeinschaft der Volksschauspiele seit 2013 Bayerisch. Doch die Komik des Stückes kennt keine Sprachbarrieren. Unter der Gesamtleitung von Ulrich Wagner gibt es vielfältige musikalische Einlagen: Parforcehorn-Bläser in den Jagdszenen, traditionelle G’stanzl, Sänger und Dreigesang. Die Chöre der Volksschauspiele beweisen ihr Können bei imposanten Massenauftritten, die das Publikum begeistern.

Die lebendige Darbietung bei den Volkstänzen, wie dem Schuhplattler, lassen so manchen Zuschauerfuß im Takt wippen. Auch die Reiterei der Volksschauspiele Ötigheim belebt das Stück. Besonders schaurig umgesetzt ist der von unsichtbarer Hand gelenkte Sargwagen des Boanlkramers, der gezogen wird von seinem schwarzen Karrenross. Versteckt für Zuschauer, liegt der Kutscher bäuchlings im Sarg.

Die farbenfrohen Kostüme von Helmi Henssler kommen sowohl im Diesseits, als auch im Jenseits als Trachten daher. Während das irdische Dasein zwischen dem Proszenium, der Wiesenanlage und der Wirtschaft stattfindet, nutzen die Himmelsbewohner die Treppenanlage und das Hauptgebäude als bayerisches Jenseits. In den himmlischen Sphären wird Weißwurst gegessen und Gaudi mit historischen Personen getrieben. Das prächtige Bühnenbild, die Nähe zur Natur und Hunderte von engagierten Darstellern, bescherten den Zuschauern eine unverwechselbare Atmosphäre und ein vergnügliches Theatererlebnis, die sie bei der gut besuchten Premiere zu stehenden Ovationen und rhythmischem Applaus animierte. (Elisa Walker)

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