Badische Neueste Nachrichten, 25. Mai 2016

Spätromantik und ein Hauch von Pop

Les Misérables, der Roman von Victor Hugo, wird in diesem Jahr als Schauspiel mit Musik auf die Ötigheimer Freilichtbühne kommen. Das Textbuch hat Regisseur Peter Lüdi geschrieben, die Musik der Düsseldorfer Komponist Hans Peter Reutter eigens für diese Inszenierung komponiert. Reutter, Jahrgang 1966, Professor für Musiktheorie an der Musikhochschule Düsseldorf und Kabarettist, hat sich mit seinen Kompositionen international einen Namen gemacht, ist auch bei den Donaueschinger Musiktagen kein Unbekannter. Doch warum er und warum für Ötigheim?
Diese Fragen kann Ulrich Wagner, musikalischer Leiter der Volksschauspiele, beantworten. Er kennt Reutter seit Kindertagen. Wir sind zusammen aufgewachsen und haben dann gemeinsam Komposition studiert, erzählt er. Die Verbindung habe immer bestanden, mal intensiv, mal locker. Und als Lüdi mit der Bitte um eine Schauspielmusik an ihn herantrat und schon genau wusste, wie sie klingen sollte, da sei ihm klar gewesen: Das kann Reutter, der genau wie Wagner bestens vernetzt ist in der Szene der Neuen Musik.
Denn Lüdi wollte eine sinfonische Verarbeitung von Revolutionsliedern. Er wollte eine theatralische Musik, sie sollte illustrieren und dem Zuhörer und Zuschauer Wiedererkennungsmöglichkeiten bieten. Außerdem die zarten Momente des Schauspiels herausstellen. Vom Stil her, sagt Wagner, ist fortgeschrittene Spätromantik zu finden, aber auch eine französische Ecke mit Ravel- und Milhaud-Anklängen, dazu die klassische Moderne à la Prokofjew, Strawinsky und Hindemith und ein Hauch Chanson und Pop. Und trotz dieser Grenzüberschreitungen ist das Ergebnis aus einem Guss.
Ihm und seinen Sängern mache es richtig Spaß, zu proben. Auf die Frage, welches Stück er denn am liebsten möge, überlegt Wagner ein bisschen, bevor er antwortet: Das Lied der Galeerensklaven ganz am Anfang. Es ist eine langsame, schwere Passacaglia und wird nur vom Männerchor gesungen. Extrem schwierig, vor allem weil die Männer längere Dissonanz-Passagen auszuhalten haben, und packend kraftvoll, sagt der Chorleiter. Meine Sänger und Sängerinnen üben mit viel Geduld – auch die schwierigen Texte, und so allmählich komme Struktur in die Musik, sei zu hören, wie es sich bei der Premiere am 11. Juni anhören soll.
Der instrumentale Unterbau komme vom Band, das könne das Orchester der Volksschauspiele zeitlich nicht leisten und würde, da sämtliche Bläser eingekauft werden müssten, auch zu teuer. Er sei zwar ein Verfechter der Live-Musik, aber in diesem Fall sei die Einspielung die einzig mögliche Lösung gewesen. Dafür gewinnen konnte er die Philharmonie Baden-Baden. Schon im vergangenen Jahr sei die Zusammenarbeit hervorragend gewesen, einzig einen Termin zu finden, habe sich dieses Mal schwierig gestaltet, erzählt Wagner. Aber auch das hat geklappt: Zwei volle Tage hat Wagner vergangene Woche mit den Profis verbracht. So seien wenigstens die Rubati seine und sozusagen live, sagt er lachend.
70 Minuten dauert die reine Spielzeit der Schauspielmusik, die eine tragende dramaturgische Funktion hat. Fast die Hälfte des Stücks ist also musikalisch untermalt. „Peter Lüdi kennt sich sehr gut in der Musik aus, hört selbst viel und hat sehr genaue Vorstellungen davon, wie er die Musik einsetzen kann, um Atmosphäre zu erzeugen und zu verdichten“, sagt der musikalische Leiter anerkennend. (Martina Holbein)

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