Badischges Tagbatt, 11. November 2013

Ein Experiment, das zu weit geht

Mit den Worten Ein magisches Datum, der 9. November, begrüßte Pfarrer Erich Penka, Vorsitzender der Volksschauspiele Ötigheim, die Premierengäste der Kleinen Bühne. 1918 die Novemberevolution, 1923 ein Putschversuch und 1989 Beginn der Wende in Deutschland. Aber eben auch 1938, ein unrühmliches Jahr deutscher Geschichte, und Thema der Ötigheimer Theateraufführung Die Welle in der Inszenierung von Frank Landua.

Der Roman aus dem Jahr 1981 von Morton Rhue beschreibt Ereignisse an einer Highschool in einer US-amerikanischen Kleinstadt. Von Hans-Georg Noack 1984 unter dem Titel Die Welle in Deutschland veröffentlicht, von Reinhold Tritt zum Schauspiel gemacht, und von Jugendlichen aufgeführt.

Ausgangspunkt des Romans ist ein Film über den Holocaust in Deutschland, den der Geschichtslehrer Ben Ross in seiner Klasse im Geschichtsunterricht vorführt. Reaktionen der Schüler: Betroffenheit und Unverständnis Die Jugendlichen sind der Überzeugung, dass sich ein derartiger Terror bei ihnen nicht wiederholen könne. Der Lehrer wagt ein Experiment: die Welle. Er will den Schülern ein Gefühl dafür geben, was es bedeutet haben mochte, damals in Deutschland zu leben.

Der in rot und schwarz nur minimalistisch gestaltete Bühnenhintergrund der Kleinen Bühne bot zugleich vier Handlungsebenen: Bühnenbestimmend der Unterrichtsraum, dargestellt durch nur anfangs locker gestellte Stühle, im Hintergrund angedeutet eine Cafeteria, das Wohnzimmer von Lehrer Ross und seiner zur Beendigung des Experiments drängenden Frau sowie das Dienstzimmer der besorgten Direktorin. Dominierend die Leinwand, auf der der Holocaustfilm zu Beginn der Theaterhandlung in Form das Grauen darstellender Figuren projiziert wird.

Fortschreitend entwickelt sich die Eskalation in Stufen (Stark durch Disziplin, stark durch Gemeinschaft, stark durch Aktion). Aufrüttelnd und fast zum Schluss: der verlesene Artikel der Schülerzeitungsredakteurin Laurie Saunders. Je später, desto mehr verändert sich die Aufstellung der Stühle zu exakt ausgerichteten Reihen. Auch die Kleidung der Schüler wandelt sich: Zunächst individuell gewählt, wird sie gegen Schluss nahezu uniform weiß, mit roter Armbinde und sichtbarem Mitgliederausweis. Allen Akteuren war ihre schauspielerische Begeisterung anzumerken. Eine Leistung, die nur durch ein Team möglich war. Die größte Wandlungsfähigkeit erlebte das Publikum bei Julian Baumstark in seiner sich zum eigenem Erschrecken verändernden Lehrerrolle, sowie Lena Bilharz, die sich als Schülerzeitungsredakteurin Laurie Saunders energisch gegen die Wandlung stemmt, dafür von ihrem Freund fast geschlagen und der Klasse gemieden wird. Beeindruckend auch die Entwicklung von Sven Engel als Robert Billings, der, zunächst Klassenaußenseiter, zum fanatischsten Welle-Anhänger wird.

Der Applaus der Zuschauer war beeindruckend lang, die Nachdenklichkeit spürbar. So mancher Zuschauer empfand in den knapp zwei Stunden viel Empathie für gekonntes, szenenentsprechendes Verhalten der jugendlichen Desiree Brenner (Christie Ross), Melanie Wild (Direktorin Owens), Lena Bilharz (Laurie Saunders), Jan Pisterer (David Collins), Nico Behringer (Brian Ammon), Jill Eckhard (Amy Smith), Anna Beckert (Alexandra Cooper), Judith Herz (Andy Block), Silvana Schönit (Andrea White) und Katharina Nagel (Janet Baker).

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