Badische Neueste Nachrichten, 9. November 2015

Dramen und andere Katastrophen

Bei Loriot kommt es auf die Sprache an. Sie muss so geführt sein, dass auf die meist feinen Pointen so hingeführt wird, dass der Leser und Zuschauer gar nicht anders kann als schmunzeln oder lächeln. Dass sie diese Kunst beherrschen, stellten die Akteure der Kleinen Bühne Ötigheim unter der Regie von Fritz Müller bereits zum dritten Mal unter Beweis. Nach 1995 und 2005 entzückten sie mit Das Beste von Loriot – Dramatische Werke und andere Katastrophen III das Publikum bei der Premiere am Freitagabend auch diesmal wieder. 16 Einzelszenen von das Ei bis zum Filmmonster, von Geigen und Trompeten bis Konzertbesuch, von Bettenkauf bis Liebe im Büro und von der Opernkasse hin zum Kosakenzipfel war so ziemlich jede mögliche und unmögliche Situation aus dem Alltagsleben vertreten.

Natürlich aus dem Blickwinkel des Victor von Bülow, der harmlose Alltagsbegebenheiten mit seinem ganz eigenen Sezierblick beobachtete, ihnen Tempo gab, über- und zuspitzte, so dass am Ende eben Loriots dramatische Werke dabei herauskamen. Die Stichworte sind gefallen: Neben der Sprachfähigkeit der Akteure, die ausgefeilt sein muss, Tempo und absolute Texttreue. Und ein Team im Hintergrund, das still und blitzschnell umbaut, das die Beleuchtung im Griff hat und für wandelbare Kostüme und Maske sorgt.

Dass es keine Längen gab, dafür sorgte Fritz Müllers geschickte Komposition der einzelnen Szenen, die mal aufwendiger, mal reduziert sich abwechselten. Und damit sich die Schauspieler jedes Mal neu einstellen konnten, waren die Szenen so komponiert, das mal nur zwei, mal mehr Darsteller die Bühne bevölkerten. Wie beispielsweise bei dem köstlichen Mutters Klavier mit Bernadette Kölmel, Sonja Waldner, Benedikt und Yannick Enderle, Alexander Grünbacher, Paul Kühn, Fritz Müller und Kurt Tüg, womit fast alle Akteure auf der Bühne in dieser Produktion genannt wären. Das greift ineinander, da arbeiten alle auf das Ziel der zwei oder fünf Minuten hin, die Pointe. Werfen sich die Wortbälle zu, nehmen den ganzen Unsinn ernst wie Fritz Müller als Vater, der die Klavierspediteure als Komparsen in seinem Heim-Video einsetzt. Zum Gruseln auch, mit welcher Akribie in Heimoperation Tina Kalbrenner und die oben genannten das Hausfrauenleben interessanter gestalten: Da kommen präzise wie in Emergency Room die Kommandos Pinzette, Tupfer, Zumachen, wird der Faden publikumswirksam eingefädelt und der Zuschauer erfährt via einer zunehmend entsetzte Reporterin, dass diese Blinddarm-OP auf dem Küchentisch stattfindet, und das nicht zum ersten Mal. Dass die Kenntnisse aus Frauenzeitschriften und dem TV stammen und dass an diesen Tagen auswärts gegessen wird, ich muss die Instrumente ja sterilisieren. Wie sich aus einem harmlosen Gespräch zwei befreundete Paare verfeinden können, das wird rund um das Dessert Kosakenzipfel köstlich zelebriert und was so alles bei einem gepflegten Konzertbesuch geschehen kann, das führte das Ensemble ebenfalls klar vor Augen, wenn sich einer im Sitzplatz irrt und dann mit der Hose hängenbleibt, während der Pianist schon dramatisch effektvoll die Tasten traktiert.

Nicht traktiert hat Pianist Klaus-Martin Kühn die Tasten seines Klaviers, der zu jedem Sketch, zu jeder Szene manchmal klar, manchmal hintergründig den Inhalt vorwegnehmend die passenden musikalischen Überleitungen fand. Ein rundum vergnüglicher Abend, dessen Besuch sich lohnen würde, wenn nicht schon alle Aufführungen ausverkauft wären. (Martina Holbein)

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