Badische Neueste Nachrichten, 22. Januar 2017

Drache faucht bald in Ötigheim

Nicht einschlafen! Bitte noch einmal mit etwas mehr Temperament, weist Regisseur Sebastian Kreutz seine jungen Darsteller an. Und schon schwebt das Mädchen viel spritziger über die Bühne im Zimmertheater der Volksschauspiele. Dort laufen die Proben für die Neuinszenierung der Märchenkomödie Der Drache von Jewgeni Schwarz auf Hochtouren. Am Samstag, 18. Februar, um 20 Uhr feiert das Schauspiel des russischen Autors in der Kleinen Bühne Premiere und wird bis 18. März in insgesamt acht Aufführungen zu erleben sein.

Zur Probe haben sich 18 Nachwuchsspieler eingefunden und all jene, die vor und hinter den Kulissen im Einsatz sind. Bevor Kreutz mit den Darstellern die Szenen durchgeht, dabei immer wieder selbst auf die Bühne kommt und Manöverkritik übt, gibt’s ein Aufwärmprogramm mit Lockerungsübungen. Der renommierte Staatsschauspieler arbeitet seit zwei Jahren als Sprach- und Stimmcoach mit den Ötigheimer Talenten. Sein eigenes Können stellte er auf dem Tellplatz als Mozart-Widersacher Salieri und schillernder Monsieur Thénadier in den Lüdi-Inszenierungen Amadeus (2015) und Les Misérables (2016) unter Beweis.

Der Schauspielprofi will die jungen Leute mit seiner Leidenschaft für den Beruf anstecken, lehrt sie die Grundlagen und Feinheiten des Theaterspielens. „Ich lege großen Wert auf die Sprache und möchte, dass sich die jungen Leute als Persönlichkeiten weiterentwickeln, sich etwas trauen, authentisch sind und wahrhaftige Töne auf die Bühne bringen“, sagt er. Intensiv haben sich seine „Schützlinge“ in den bisherigen Proben mit den Figuren und den Themen befasst, die in dem 1943 in der damaligen Sowjetunion unter dem Eindruck des Nationalsozialismus geschriebenen Politmärchen behandelt werden.
Unter Stalin wurde die Märchenparabel nach zwei öffentlichen Generalproben verboten. Das blieb sie 17 Jahre lang. Dann wurde sie vor allem im Osten Deutschlands als Einlassung des Theaters zum Thema Diktatur und Untertanengeist gefeiert. Ab 1989 gelangte sie immer seltener in die Spielpläne. Nach der Wende wollte man nichts mehr mit den Russen zu tun haben, erklärt Kreutz, der das Stück als ironisch, tiefgründig, humorvoll, im Grunde zeitlos, aber wieder hochaktuell beschreibt. Es geht in dem Dreiakter, der in satirischer Form politische und ideologische Verhältnisse anprangert, um Machtmissbrauch und um Menschen, die sich mit einem Leben in Angst und unter ständiger Kontrolle arrangieren müssen. Es gehe um Gerechtigkeit, Zivilcourage und um die Frage, inwieweit Einzelne sich zur Wehr setzen, sich befreien und etwas verändern können.

Dies alles wird in einer farbenfrohen Märchenwelt verortet, in der es dem fahrenden Ritter Lancelot (Anna Beckert) gelingt, den Drachen (Judith Herz) zu töten und die schöne Jungfrau Elsa (Leah Patzelt) zu retten. Doch in der befreiten Kleinstadt hält sich die Begeisterung in Grenzen. Schließlich hatte sich die Bevölkerung schon an das Untier gewöhnt und feiert den Falschen als Helden. Nachdem Lancelot enttäuscht die Stadt verlassen hat, ist ein neuer Drache schnell gefunden.

Sebastian ist voller Tatendrang und Energie. Er schafft es immer wieder, uns zu motivieren und mitzureißen, selbst nach einem anstrengenden Tag, schwärmt Julian Baumstark, der im Stück den Bürgermeister-Sohn Heinrich spielt. Nicht nur sprachlich hat er uns weit gebracht, wir lernen auch viel über uns selbst, setzen uns intensiver mit den Figuren auseinander. Wenn man begriffen hat, wie eine Figur tickt, kommt das Spielen von selbst. Ähnlich sieht das auch Lancelot-Darstellerin Anna Beckert. Wir arbeiten mit ihm ganz anders als wir es bisher gewohnt waren. Er erwartet, dass wir uns selbst einbringen, uns Gedanken machen und uns auf der Bühne nicht verstellen, sondern ganz natürlich sind. (Ralf Joachim Kraft)

zurück zum Pressespiegel