Unsere Kirche, 26. Juli 2018

Ein ganzer Ort spielt den Kirchenkrimi

Vor allem Laien bestreiten das Programm der Volksschauspiele im badischen Ötigheim. Gegründet wurden sie 1906 von einem katholischen Priester. Viele Darsteller sind seit Kindertagen dabei.

Die Rose, das namenlose Bauernmädchen, stürzt in den Staub. Sie ist eine Hexe!, krächzt der Inquisitor vor der imposanten Klosterkulisse. Die Mönche murmeln, schlagen entsetzt die Hände vors Gesicht. Dem Mädchen und den anderen Delinquenten, denen mysteriöse Morde hinter den Klostermauern zur Last gelegt werden, droht der Abtransport zum Scheiterhaufen.

Doch erstmal passiert: nichts. Wo ist die Kutsche?, ruft Regisseurin Rebekka Stanzel. Viel zu langsam, kommentiert sie lauthals, als der Pferdewagen endlich über den riesigen Sandplatz rattert. Probe bei den Volksschauspielen in Ötigheim, einer von Amateuren bespielten Freilichtbühne bei Rastatt in Baden-Württemberg. Mit einer bespielbaren Fläche von 174 mal 62 Metern ist sie nach eigenen Angaben die größte Deutschlands.

Es sind nur noch wenige Tage bis zur Wiederauflage der Bühnenversion des erfolgreichen Mittelalterkrimis Der Name der Rose von Umberto Eco. Vergleichsweise klein sind diesmal mit rund 50 Schauspielern die Massenszenen, für die das Laientheater weithin bekannt und beliebt ist. Bei manchen Stücken ziehen bis zu 600 verkleidete Darsteller mit Tieren und Wagen über den Platz.

In dem kleinen mittelbadischen Ort machen seit 1906 die Bürgerinnen und Bürger selbst Theater: Zwei bis drei bekannte Werke der Weltliteratur wie Goethes Götz von Berlichingen oder Hugo von Hoffmannsthals Jedermann, aber auch Musicals, Operetten und Opernklassiker stehen neben Gastspielen jährlich auf dem Spielplan des Theatervereins mit seinen rund 1.600 Mitgliedern.

Das Besondere: Immer wieder gibt es dezidiert christliche Stücke oder Bühnenwerke mit religiös-ethischem Hintergrund zu sehen. Denn die von dem katholischen Priester Josef Saier (1874-1955) gegründeten Volksschauspiele haben als klaren, kulturpolitischen Auftrag, christliche Inhalte unters Volk zu bringen, wie Geschäftsführer Marc Moll sagt. Insgesamt rund 100.000 Besucher strömen im Jahresdurchschnitt in den überdachten Zuschauerraum mit seinen 4.000 Plätzen vor der Naturbühne.

Dem theaterbegeisterten Priester Saier habe damals wohl so etwas wie ein zweites Oberammergau vorgeschwebt – so beschreibt es der katholische Ötigheimer Ortspfarrer Erich Penka, der qua Amtes erster Vorsitzender des Vereins der Volksschauspiele ist. Der aus Kirchzarten bei Freiburg stammende Geistliche Saier habe um 1900 die Not mancher junger Arbeiter entdeckt – und deren musikalisches Potenzial nutzen wollen, erzählt Penka.

Die Theaterbühne habe dem Volksschauspiel-Gründer als erweiterte Kanzel gedient. Bis heute lautet das Motto Volk spielt für Volk. Saier verfasste selbst ein alle Jahre wieder aufgeführtes Passionsspiel, das das Leben und Leiden von Jesus Christus nacherzählt.

Meist ausverkauft seien bekannte Stücke wie Quo Vadis, Ben Hur, Moses, Der Brandner Kaspar und das ewig‘ Leben, das Musical Jesus Christ Superstar und zuletzt 2017 Luther gewesen, sagt Pfarrer Penka. Eine überwältigende Zahl von 35.000 Besuchern habe im Jahr des 500. Reformationsjubiläums das ökumenische Auftragsstück über den Reformator gesehen. Der christliche Auftrag bleibe auch mit Blick auf eine immer glaubensfernere Gesellschaft für den Theaterverein eine Verpflichtung, betont Penka.

Der Ötigheimer Laiendarsteller Matthias Götz – im wirklichen Leben Zollbeamter – spielt bei Der Name der Rose den Inquisitor Bernardo Gui. Bei der Probe trägt er kurze Hose, Turnschuhe und einen schwarzen Umhang. Götz ist seit mehr als 40 Jahren bei der großen Laientheatertruppe dabei, die sich nur ab und an Unterstützung von professionellen Kollegen holt. Besonders reizvoll sei es, auch tragende Rolle spielen zu dürfen, die mancher Profi nie spielen kann, sagt er.

Viel Herzblut brächten die Laiendarsteller ein, um in der Sommersaison ein beachtliches Programm auf die Beine zu stellen, ergänzt Stephanie Kuhn. Die 26-jährige Lehrerin ist die Rose, die den Kloster-Novizen Adson in dem mehr als dreistündigen mittelalterlichen Krimistück verführt. Wie viele der Laienmimen war auch sie mit ihrer Familie schon als kleines Kind auf dem Platz.

Die Proben für Der Name der Rose, das an fünf Terminen im August aufgeführt wird, haben bereits im vergangenen Januar begonnen. In den letzten Wochen vor der Aufführung wurde bis zu fünfmal in der Woche geprobt – eine immense Kraftanstrengung für die Laiendarsteller, wie Regisseurin Stanzel erzählt, die aus Karlsruhe stammt und in Bremerhaven lebt. Zu sehen, wie sich die Spieler entwickeln, macht Spaß.

Jeder Einzelne hat seine Aufgabe, sagt im Anschluss der Inquisitor Matthias Götz. Ein Rädchen greift ins andere, beschreibt die Rose, Stephanie Kuhn, was für sie die Magie ausmacht, ein Teil der großen Ötigheimer Theaterfamilie zu sein. (Alexander Lang)

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