Badische Neueste Nachrichten, 17. Juni 2013

Do schteh’sch machtlos vis-à-vis

Links geht’s nach Enzklöstlere, rechts nach Bad Wildbad, bis Stuttgart sinds 21 Kilometer. Egal. Hier neben den drei Schildern, die auf einer kleinen Anhöhe den Weg weisen, spielt die Musik. Bei Vogelgezwitscher unter Linden, vor Felsen, blühenden Pflanzen, einem Wald mit See links vor der Kathedrale finden sich 4000 Gäste zur Eröffnung der Freiluftsaison in Ötigheim wieder. Ganz rechts tummeln sich Touristen vordem Wirtshaus zum Blauen Ochs. Dort unterm Dach kommt plötzlich der Kuckuck aus dem Fenster. Willkommen im Kitsch, den man in diesem Moment gegen nichts, aber auch gar nichts eintauschen möchte. Einfach schön, oder um es mit Jürgen, dem Wirt im Schwarzwaldmädel zu sagen: Do kann’sch nix machen. Do schteh’sch machtlos vis-à-vis.

Paul Hug spielt diesen Mann, der allerlei Aufreger schulterzuckend so oft mit seinem Lieblingsspruch quittiert, bis es ihm die Zuschaueraus dem Mund nehmen. Ötigheim ist an diesem Abend im Schwarzwald gelandet und bringt eine Operette so gut wie heim, die vor bald 100 Jahren in Berlin uraufgeführt wurde: Das Schwarzwaldmädel von Léon Jessel haben sich die Ötigheimer ausgesucht, und sie können gerade mit diesem Stoff, der auch in Verfilmungen ein Postkartenidyll heraufbeschwört, mit ihrer Naturbühne punkten, die noch älter ist, als das Stück selbst.

Die alte Sandgrube, die 1906 zur Theaterbühne umfunktioniert wurde, ist jetzt der Dorfplatz für die romantische Liebesgeschichte ums Bärbele und den Domkapellmeister Blasius Römer sowie um ein paar Gäste aus Berlin, die das Schwarzwaldidyll gehörig durcheinander wirbeln. Wenn sich dann noch Hunderte von Amateurdarstellern aller Generationen mit schillernden roten Schürzen und Bollenhüten auf der größten Freilichtbühne tummeln, ist das Fest für die Augen perfekt. Das für die Ohren natürlich auch. Der beachtliche Rest an Sängern, Darstellern und Orchester ist unter der bewährten Leitung von Ulrich Wagner das Sahnehäubchen obendrauf.

Dass sie eine Stadt-Mieze ist, zeigt Stargast Annette Postel als kesse Malwine von Hainau gleich nach ihrer Ankunft mit kleinem Gepäck – nur ein halbes Dutzend Koffer – aus Berlin. Zum Reigen der Schwarzwaldmädels wippt sie im Charleston. Vor allem durch ihre grandiose Bühnenpräsenz und ihr reizendes Schauspiel punktet die bekannte Musikkabarettistin. Profis wie sie und der Bariton Edward Gauntt aus dem Karlsruher Opernensemble als Blasius Römer oder Wolfram B. Meyer als Hans begeistern Hand in Hand mit musikalischen Laien. Die werden angeführt von  einem köstlich singenden Reinhard Danner (Richard), der leibreizenden Christina Gailfuß (Bärbele) und einem recht dialektfesten Siegfried Kühn las Herr Schmußheim aus Berlin. Der bereichert die gelungene Inszenierung von Stefan Haufe um Seitenhiebe auf die Politik und die Schwaben. Judith Herz,m Anna Hug, Ulrike Karoius, Felix Behringer komplettieren das mit Hingabe aufspielende Ensemble. Den Ötigheimern ist ein kurzweiliges Operettenerlebnis mit Ohrwürmern wie Mädle aus dem schwarzen Wald, die sind nicht leicht zu haben zu verdanken. Gar nicht mehr zu kriegen sind Karten fürs Mädle, es wird aber im nächsten Jahr wieder gespielt. (Isabel Steppeler)

zurück zum Pressespiegel