Badische Neueste Nachrichten, 13. Juni 2015

Die Versuchung kommt als Mafioso

Der Teufel trägt ein rotes Hemd und ein diabolisches Grinsen unter dem breitkrempigen Hut. Ansonsten ähnelt die Figur in Gestus und Outfit eher einem Mafioso – oder einer Mafiosa. Für die Rolle des Luzifers in der Inszenierung Die Passion, mit der am Sonntag, 14. Juni, der 109. Theatersommer der Volksschauspiele Ötigheim eröffnet wird, hat Regisseur Stefan Haufe ganz bewusst eine Doppelbesetzung vorgesehen.
Die Versuchung kommt in einer geschlechtlich unspezifischen Gestalt daher, weist Pfarrer Erich Penka, Vorsitzender der Volksschauspiele Ötigheim, auf eine Botschaft des geistlichen Werks seines Vorgängers Josef Saier hin, das 1948 uraufgeführt wird. Drei Jahre nach Kriegsende ist bei vielen Menschen der Hunger nach geistiger und religiöser Kost groß. So groß, dass einige hundert Menschen, die vergeblich nach Karten angestanden sind, bei den ersten Aufführungen mit dem Schauspieler Kurt Müller-Graf vom Ölberg aus zuschauen. Nach der Premiere 1948, die 65 000 Zuschauer sehen, wird das Stück in regelmäßigen Intervallen aufgeführt – zuletzt 2000 und voraussichtlich wieder 2025. Als Gottesdienst versteht Josef Saier Proben und Theatervorstellungen, bei der die Liturgie und das Opfer Christi im Mittelpunkt stehen.
Einen Rückgriff auf die Urfassung Saiers wagt nun auch Regisseur Stefan Haufe, der 2013/2014 mit dem Schwarzwaldmädel auf der Freilichtbühne sein Gesellenstück abgegeben hat. Bewusst haben die Festspiel-Macher mit dem ausgewiesenen Choreografen und Musiktheater-Regisseur einen Mann von außen für das Traditionsstück nach Ötigheim geholt, und der 52-Jährige ist sich der Herausforderung bewusst: Die Konflikte, die in der ,Passion‘ verhandelt werden, spiegeln die Grundlagen unserer Menschlichkeit wider, verweist er auf die Aktualität des Stoffes im 21. Jahrhundert. Auf ihren Smartphones daddelnde Kids spielen deshalb ebenso eine Rolle wie die Figur des Luzifers, der als Mafioso mit all seinen Versuchungen daher kommt und bewusst als Gegenfigur zu Jesus inszeniert wird. Gespielt wird die Jesus-Figur von Eric van der Zwaag, Karlsruher Theatergängern aus dem Werkraum oder dem Sandkorn bekannt.
Trotzdem werden wieder Massenszenen in historischen Gewändern einen großen Anteil an der dreieinhalbstündigen Inszenierung haben. Sie machen nach Ansicht von Geschäftsführer Marc Moll für viele Volksschauspielbesucher den Charme der Freilichtbühne in Ötigheim aus. Knapp 30 000 Karten für die zwölf Vorstellungen waren bis Mitte der Woche bereits verkauft – eine Auslastung von knapp 65 Prozent. Nach der Hauptprobe am Dienstagabend gab es am Donnerstag die Generalprobe für das rund 400-köpfige Ensemble, unter denen es einige erfahrene Passions-Schauspieler gibt. Für die Altenwerke der Erzdiözese Freiburg findet heute eine geschlossene Vorstellung statt. Kirchengemeinden und christliche Institutionen sind nämlich eine weitere Zielgruppe der Volksschauspiele, die in das Traditionsstück strömen.
Als Ausgleich sieht der Spielplan in Ötigheim immer auch weltliche Werke vor – in diesem Jahr das Familienstück Die kleine Hexe (Premiere 11. Juli) oder Amadeus – Das Genie und sein Todfeind (7. August). Auch wenn die Volksschauspiele bei ihren Inszenierungen regelmäßig auf Evergreens wie My Fair Lady, Im weißen Rössl oder Wilhelm Tell zurückgreifen können, das veränderte Medienverhalten der Besucher geht nicht spurlos am Programm vorbei: Die Besucher verlangen immer wieder nach Neuinszenierungen – das ist die Herausforderung, der wir uns in Zukunft stellen müssen, so Geschäftsführer Moll.
Ein frischer Blick zeichnet auch den Choreografen Haufe aus, der in der Passion die Scharen an Chören und Balletttänzern auf der Bühne zu immer neuen Bilder arrangiert – auch für das Auge ein berauschendes Erlebnis wie Werner Sachsenmaier (geschäftsführender Vorstand) bei den Proben beobachtet hat, die Ostern begonnen haben. So präsentieren sich die Sänger vor dem Bühnenbild, einer gotischen Kathedrale, symbolträchtig etwa als riesiger Fisch. (Heike Schaub)

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