Badische Neueste Nachrichten, 18. Juli 2015

Auf dem Tellplatz schlägt die Stunde der Statisten

Volksprobe bei den Volksschauspielen: Jetzt schlägt die große Stunde der Statisten, die neben den 15 Rollenträgern an Peter Shaffers Schauspiel Amadeus in einer Inszenierung von Peter Lüdi mitwirken. Das heißt, genau genommen sind es drei Stunden, die an diesem warmen Donnerstagabend für die Statistenprobe im Beisein und teils unter Mitwirkung der Hauptdarsteller und Rollenträger angesetzt sind.Drei Auftritte stehen auf dem Probenplan: die Anfangsszene des Stückes und die beiden Massenszenen im Wiener Burgtheater. 24 Personen stehen dafür bereit. Außerdem je zwei Schimmel, die eine Kutsche und den Leichenwagen ziehen, sowie ein Hund, der den Wagen mit den sterblichen Überresten Wolfgang Amadeus Mozarts begleitet. Die Statisten spielen an diesem Abend das Volk, die Hofdamen und die Höflinge. Geprobt wird in luftigen Alltagsklamotten. Und das nicht nur der Hitze wegen, sondern auch weil die Schneiderei momentan noch auf Hochtouren arbeitet.

Kostüm (Heike Timpert) und Maske (Leitung: Karl-Heinz Kellermann) seien in dieser Produktion sehr aufwändig, verrät Lüdi – und fügt hinzu. Etwa 65 Prozent der Proben sind erledigt. Jetzt geben wir Vollgas und hoffen bei der Premiere des Abendstückes am 7. August auf möglichst viele Zuschauer.Die gerade untergehende Abendsonne taucht den Tellplatz – passend zum Rätsel um Mozarts Tod – in ein fast mystisches Licht. Genau die richtige Atmosphäre für einen Psychothriller mit metaphysischem Hintergrund, der auf dem Gerücht basiert, Hofkomponist Antonio Salieri habe seinem sechs Jahre jüngeren Komponisten-Kollegen Mozart mit seinem Intrigenspiel zuerst das Leben vergiftet und dann ihn selbst mit Gift ins Jenseits befördert.Bevor in der Anfangsszene Staatsschauspieler Sebastian Kreutz (Salieri) und die Venticelli (Markus Wild-Schauber und Reinhard Danner) in Aktion treten, kommt bei Musikbeginn aus der Hohlen Gasse die von Gespannfahrer Gustav Schäfer gesteuerte Kutsche gefahren. Darauf drei Leute mit Champagnerflasche und drei Gläsern. Von überall her, aus allen Richtungen kommen Menschen geströmt – freilich nicht so, wie sie gerade wollen, sondern strikt nach Regieanweisung. „Gut so, das klappt wunderbar“, lobt der Regisseur. Mozart, Mozart …, schreit und brüllt derweil in seiner letzten Nacht – am Ende seines Lebens angelangt – der greise Salieri, während sich die Venticelli fragen, ob er tatsächlich der Mörder Mozarts sein kann. Sie glauben es nicht. Unmöglich. Undenkbar. Warum gesteht er es erst jetzt, nach 32 Jahren?

Womöglich sei er verrückt geworden. Ich hoffe es, wenn nicht, hat er einen Mord begangen. Kaum ist die Szene im Kasten, wie man beim Film sagen würde, geht’s an die Massenszenen – zuerst in die Uraufführung der Entführung aus dem Serail.Die Statisterie spielt auf der Freitreppe das Publikum. Als Stimm-Geräusche des Orchesters ertönen, öffnen sich oben im Hauptbau die Türen. Die Zuschauer nehmen ihre Plätze ein. Joseph II., Kaiser von Österreich (Kurt Tüg), taucht auf. Alle erheben sich von ihren Plätzen, verbeugen sich artig, setzen sich wieder hin. Salieri, der dem Publikum – den Geistern der Zukunft – seine Rolle in Mozarts Leben erläutert und die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt, kündigt die Uraufführung an und kommentiert das Geschehen.

Opernmusik mit reichlich vielen Noten erklingt. Die Zuschauer lauschen gebannt. Nein, so geht das nicht. Erstens verbeugen sich die Damen nicht, sondern machen mit geradem Rücken einen Hofknicks. Außerdem will ich sehen, wie die Köpfe den Janitscharen folgen und von links nach rechts mitgehen, moniert der Regisseur, der am Ende – nach derselben Prozedur bei der Premiere von Figaros Hochzeit – aber doch sehr zufrieden ist mit den gezeigten Leistungen. Ein bisschen was ist noch zu tun, aber die Premiere kann kommen. (Ralf Joachim Kraft)

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