Galerie Ortenau, 14. Juni 2015

Die Passion

Nach 15-jähriger Pause wird die Passion in diesem Sommer wieder auf der Ötigheimer Freilichtbühne aufgeführt. In sommerlicher Hitze und in Anwesenheit lokaler Politiker und Geistlicher fand die ausverkaufte Premiere am Nachmittag des 14. Juni statt.

Seit der Ötigheimer Uraufführung der Passion im Jahre 1948 sind bereits einige Jahre ins Land gegangen. Trotzdem hat sich die Tradition erhalten, die Fassung des Volksschauspiel-Gründers und Priesters Josef Saier (1874 bis 1955) in regelmäßigen Abständen aufzuführen. Sein 60. Todesjahr hat man zum Anlass genommen, die Leidensgeschichte Jesu erneut zu inszenieren. Es ist wahrlich keine unbekannte Geschichte. Daher interessierte natürlich auch die Art des geschichtlichen Aufbaus und der künstlerischen Inszenierung. Begonnen wurde mit einer Szene, die eine vierköpfige Kindergruppe zeigt, die sich auf der Treppe zur Kirche einfindet. Doch nur, um sich die Zeit mit Handyspielen zu vertreiben. Bis eines der Kinder ein Buch erblickt, in welchem es zu stöbern beginnt. Der Fund erregt die Aufmerksamkeit der gesamten Gruppe, und die Kinder beginnen darin zu lesen. So fängt die Erzählung an.

Zurückkatapultiert wird man in das vom Römischen Reich besetzte gelobte Land. Tief beeindruckt ist man ohnehin von der Größe der Bühne, dem fantastischen Bühnenbild und der naturbelassenen Umgebung. Der Eindruck verstärkt sich, als man all die Schauspieler, Statisten und den Chor versammelt vor sich sieht. Das Ensemble zählt rund 400 Personen, darunter alleine 230 Sänger und Sängerinnen. Und dann sind da noch die tierischen Protagonisten: über die Bühne trabende Pferde, Ziegen, Schafe, fliegende Brieftauben und ein Esel, auf dem Jesus am Palmsonntag Einzug in Jerusalem hält. Schon zu Beginn wird klar: Das ist keine eingestaubte, stoisch nacherzählte Fassung. Sie reicht über die rein historische Wiedergabe hinaus, hat allerdings stets Jesus als zentrale Gestalt im Vordergrund. So wird gesungen, getanzt, gepriesen, gejubelt und auch geklagt. Und selbst der Teufel persönlich hat seine Auftritte, in denen er über seinen Plan sinniert, Jesus zu Fall zu bringen, oder einzelne Personen durch Zugeflüster korrumpiert.

Der einzige Störfaktor während der etwa zweieinhalbstündigen Inszenierung kam aus dem Publikum selbst: Während die Kinder zu Beginn der Aufführung ihr Handy gegen die Bibel eingetauscht hatten, konnten die Erwachsenen das nicht von sich behaupten. Des Öfteren ertönten unterschiedliche Klingeltöne aus den verschiedensten Ecken des Zuschauerbereichs. Vermutlich war das der Tageszeit geschuldet. Nichtsdestotrotz: Die Schauspieler ließen sich bewundernswerterweise keinen Augenblick aus dem Konzept bringen. Belohnt wurden sie dafür mit minutenlangen stehenden Ovationen. Josef Saiers berühmter Ausspruch Die Bühne ist eine erweiterte Kanzel, das ist kein Theater, das ist ein Gottesdienst wurde an diesem Tag besonders eindrucksvoll in die Tat umgesetzt. Es war eine moderne, unterhaltsame und vor allem zum Nachdenken anregende Inszenierung, die einen Besuch in diesem Sommer unbedingt wert ist. (Marita Lang)

zurück zum Pressespiegel