Badische Neueste Nachrichten, 27. Mai 2017

Für Luther laufen die Nähmaschinen heiß

Ein unablässiges Kommen und Gehen – von 9 Uhr morgens bis 18 Uhr abends: Kostümausgabe bei den Volksschauspielen Ötigheim. Alle Statisten und Rollenträger holen über den Tag verteilt ihre Garderobe für Luther, das Hauptstück im 111. Theatersommer der Volksschauspiele Ötigheim, ab. Vorausgegangen waren in den vergangenen Wochen zahlreiche Anproben in den Räumen der Schneiderei.
Rudi Wild, seines Zeichens Vorsitzender des Spielbetriebsausschusses, verteilt in der Kleiderkammer gerade die mittelalterlich anmutenden Kostüme an all jene, die in Felix Mitterers Schauspiel die zentralen Gestalten spielen oder das Volk verkörpern: Mönche, Nonnen, Adlige, Studenten, Landsknechte, Handwerker, Händler, Bauern, Marktfrauen, Bettler, Dirnen, Wegelagerer, Gaukler, Scharlatane oder Straßenkinder. Ein Stockwerk tiefer wird derweil auf Hochtouren geschuftet. Die Nähmaschinen surren unaufhörlich. Das kleine Team muss in diesem Jahr rund 700 Kostüme für drei Neuproduktionen fertigen, was einem Zeitaufwand von 3 700 Stunden entspricht, wie die Leiterin der Schneiderei, Ulrike Heck-Petri, erzählt. Da kann es unter Umständen schon mal hektisch zugehen. Allein für Luther würden rund 450 Kostüme benötigt, berichtet die Bietigheimerin. In der Mehrzahl stammen sie aus unserem Kostümfundus, um den sich Christel Wild kümmert. Wir mussten sie aber an die Körpermaße der Darsteller anpassen, entsprechend ändern und ergänzen. Etwa 30 Kostüme haben wir komplett neu gefertigt, nennt die Schneidermeisterin einen Zeitaufwand von 2 000 Arbeitsstunden allein für diese Produktion. Etwa 200 Meter Stoff haben wir allein für dieses Schauspiel verarbeitet.
Neben den Kostümen, die sich an historischen Vorgaben orientieren, seien auch etliche Accessoires wie Hauben, Baretts, Schals oder Taschen teils neu entstanden. Auf private Accessoires wie Armbanduhren und dergleichen sollten die Darsteller bei den Aufführungen des Stückes, das im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts spielt, freilich lieber verzichten. An jedem Kostüm arbeiten wir zwischen einer Stunde bei kleinen Änderungen und bis zu 40 Stunden bei sehr aufwändigen Kreationen. An den Elefanten-Kostümen fürs Dschungelbuch saßen wir sogar 70 Stunden pro Exemplar, erzählt Ulrike Heck-Petri, die mit ihren drei Kolleginnen Petra Schorpp, Patricia Krebs und Sonja Irmscher-Dittmeyer bei den Produktionen eng mit den jeweiligen Kostümbildnern zusammenarbeitet. Beim Luther-Stück war das Karel Spanhak. Für den 1945 geborenen Niederländer, der seit 2000 in Kirchzarten lebt und auch als Bühnenbildner und Lichtdesigner arbeitet, war es nach Les Misérables im Vorjahr sein zweiter Einsatz als Kostümbildner auf dem Tellplatz. Nachdem der international arbeitende und mehrfach ausgezeichnete Künstler seine Entwürfe dem Vorstand präsentiert hatte und mit Regisseurin Rebekka Stanzel Szenen und Rollen durchgegangen war, setzten die Schneiderinnen seine Vorstellungen um und verwandelten die von ihm gezeichneten Figuren-Entwürfe in echte Kostüme. Allerdings nicht ohne sich vorher mit historischen Schnitten zu befassen und in Kostümkundebüchern zu schmökern. Im Fachjargon heißen die Entwürfe, die aktuell neben jenen fürs Dschungelbuch die Wände und Möbel in der Schneiderei zieren, Figurinen, Model Sheets oder Charakterdesigns.
Entstanden sind nach deren Vorbild Kostüme, die nicht nur schön aussehen und weitgehend authentisch wirken sollen. Sie müssen freilich auch den Anforderungen der Figuren, der Bühne, des Regisseurs, des Kostümbildners und vor allem auch des Trägers gerecht werden. (Ralf Joachim Kraft)

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