Badische Neueste Nachrichten, 7. Februar 2015

Der Tell war sein großer Druchbruch

Ich wollte Theater spielen, aber nicht im gewöhnlichen Vereinssinn. Und da kein geeignetes Lokal vorhanden war, kam mir der Gedanke, ob man es nicht auch im Freien machen kann. Und man konnte: Heute strömen jeden Sommer rund 100.000 Besucher zu Deutschlands größter Freilichtbühne in Ötigheim. Dass es diese Theateraufführungen gibt, ist dem 1874 in Kirchzarten geborenen und 1955 in Ötigheim verstorbenen Monsignore Josef Saier zu verdanken. Am heutigen Samstag jährt sich der Todestag des Volksschauspiel-Gründers zum 60. Mal.
Wie der Geschäftsführende Vorstand, Werner Sachsenmaier, im BNN-Gespräch berichtet, gedenken die Volksschauspiele ihres Gründers an diesem Tag um 11 Uhr mit einem Wortgottesdienst unter Beteiligung des Volksschauspielchores in der Pfarrkirche St. Michael. Anschließend werde gemeinsam das Grab Josef Saiers auf dem Ötigheimer Friedhof besucht; Es spielt ein Ensemble des Musikvereins.
Seit seiner Schulzeit vom Schauspiel und dem Volkstheater fasziniert, trat der als Sohn eines Schwarzwaldbauern geborene Geistliche nach seiner Zeit als Kaplan in Rastatt und Karlsruhe im September 1905 sein Amt in Ötigheim an. Es war seine erste Pfarrstelle – und es blieb auch seine einzige, denn Saier fand hier seine Berufung als Seelsorger. Beim Eintreffen in der ländlichen Gemeinde bemerkte er die vielen Wirtshäuser, in denen seine Pfarrkinder die Zeit nutzlos vergeudeten. Auf der Suche nach einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung für die jungen Leute entwickelte er als Liebhaber der Künste ein Angebot, das weit über das bestehende Vereinsleben hinausging.
In einer ehemaligen Kiesgrube entstand eine gewaltige Theaterbühne, die Ötigheim innerhalb weniger Jahre einen beachtlichen kulturellen Ruf einbrachte. Josef Saier begeisterte seine Gemeinde. Seine Maxime lautete: „Mein Theater soll eine erweiterte Kanzel sein“. Immer wieder schaffte er es, eine gewaltige Volksmenge auf die Bühne zu bringen. Im Dorf fanden sich stets Junge und Alte, die sich von dieser „Welle der Begeisterung“ mitreißen ließen und dazu bereit waren, ihre komplette Freizeit in das Projekt zu investierten. Schon am 30. September 1906, also ein Jahr nach seiner Ankunft in Ötigheim, konnte Saier in der umfunktionierten Sandgrube mit dem historischen Drama Die beiden Tilly eine Ur-Premiere feiern und einen großen Erfolg verbuchen. Gedacht waren die Aufführungen als kultureller Beitrag zum Regierungsjubiläum und zur Goldenen Hochzeit von Großherzog Friedrich I. und seiner Gemahlin Luise. Allerdings war danach erst mal Schluss. Das Unternehmen wurde wegen mangelnder Rentabilität eingestellt.
Doch Pfarrer und Gemeinde gaben nicht auf. Der große Durchbruch gelang 1910 mit Wilhelm Tell. Der Erfolg war überwältigend. Publikum und Darsteller waren begeistert und die Volksschauspiele mit einem Schlag überregional bekannt. Das Schiller-Drama ist bis heute das am häufigsten in Ötigheim aufgeführte Schauspiel. Daher nennen die Einwohner ihre Bühnenanlage bis heute Tellplatz.
1910 nahm Saier den Bau eines großen Theaterhauses mitten im Ort in Angriff. Ausgeführt wurde aber nur der linke Gebäudeflügel, heute das Rathaus. Zum Glück, meint Sachsenmaier, der sehr skeptisch ist, ob sich dieses Haus so entwickelt hätte wie unsere Freilichtbühne – ich glaube es nicht. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg stiegen die Zuschauerzahlen über die magische Grenze von 100.000. Bis 1939 wurde auf der Freilichtbühne jedes Jahr gespielt und ab 1945 wieder – ohne Unterbrechung bis zum heutigen Tag.
Die Krönung im Leben von Pfarrer Saier, der Höhepunkt seines Ötigheimer Werkes, ist die 1948 uraufgeführte Passion. Als der Geistliche Rat am 19. November 1953 in den Ruhestand trat, zum Päpstlichen Geheimkämmerer mit dem Titel eines Monsignore ernannt und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, konnte er auf ein Leben zurückblicken, das er neben seiner seelsorgerlichen Tätigkeit vor allem dem Aufbau und der Fortentwicklung der Volksschauspiele gewidmet hat. Der Ötigheimer Spielpfarrer hatte eine künstlerische Linie entwickelt, die noch immer verbindlich ist. Am Montagmorgen, 7. Februar 1955, starb er nur wenige Tage vor seinem 81. Geburtstag.
Doch seine Idee lebte weiter und hat bis heute Bestand: Bis zu 400 Mitwirkende aus allen Altersgruppen agieren je nach Stück gleichzeitig auf der Bühne als Rollenträger, als Volk, als Reiter, in Chören und in Tanzgruppen. Hinzu kommen zahlreiche Helfer hinter den Kulissen. Eigentlich hat fast jeder in dem 4 500-Seelen-Dorf etwas mit den Volksschauspielen zu tun. Jeden Sommer stehen drei Stücke auf dem Spielplan. Außerdem gibt es Festliche Konzerte und Gast-Aufführungen. Der 109. Theatersommer auf der Naturbühne beginnt am 14. Juni . Auf dem Programm steht als Hauptstück wieder ein Schauspiel aus Saiers Feder: Die Passion. Zudem gibt es mit dem Schauspiel Amadeus, dem Kinderstück Die kleine Hexe, den Festlichen Konzerten und diversen Gastspielen noch viele weitere schauspielerische und musikalische Leckerbissen. (Ralf Joachim Kraft)

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