Badische Neueste Nachrichten, 6. Juni 2015

Der singende Engel kehrt zurück

Besonders nah an die Originalfassung von Pfarrer Josef Saier wird sich die Inszenierung der Passion in diesem Jahr bei den Volksschauspielen Ötigheim halten. Da scheint es folgerichtig, dass erstmals seit 1980 auch wieder ein singender Engel auftritt, den es in Saiers Erstaufführung der Ötigheimer Passion im Jahre 1948 bereits gab. In den beiden vergangenen Inszenierungen 1990 und im Jahr 2000 wurde auf diese Rolle verzichtet.
Gespielt wurde der Engel bei der Premiere 1948 von Emma Schauber, der Frau des damaligen musikalischen Leiters der Volksschauspiele, Karl Schauber. Er hat Emma Schauber die Gesangsstücke quasi auf den Leib geschrieben, denn sie sind besonders schwierig zu singen, wie der heutige musikalische Leiter der Volksschauspiele, Ulrich Wagner, bestätigt: Die Sopranstimmen müssen sehr hoch singen, das ist eine große Herausforderung. So war schnell klar, dass die Rolle von den Ötigheimer Darstellern nur von Christina Gailfuss besetzt werden kann, die in den beiden vergangenen Jahren bereits als Bärbele im Schwarzwaldmädel glänzen konnte.
Ihr zur Seite steht mit Lisa Hähnel eine Karlsruher Musikstudentin, die bereits Ötigheimer Bühnenluft schnuppern konnte und sich im Telldorf pudelwohl fühlt. Wir verstehen uns prima: da ist es super, dass wir uns auch in diesem Jahr eine Rolle teilen können, berichten die beiden Sopranistinnen im BNN-Gespräch.
Wer nun wann auftritt: das machen die beiden unkompliziert unter sich aus. Die Absprachen klappen super. Für uns ist es ein riesen Vorteil, dass die Rolle doppelt besetzt ist, berichtet Christian Gailfuss. Schließlich sind bis Ende August 14 Aufführungen der Passion angesetzt. Der singende Engel ist durch das ganze Stück aktiv und stellt für die Ötigheimerin auch deshalb eine besondere Herausforderung dar, da besonders leise und besonders intensive und laute Passagen gesungen werden müssen. Ganz klar: der Part des singenden Engels wurde für einen Profi geschrieben, berichtete Lisa Hähnel. Sie muss es wissen, schließlich hat die 26-Jährige ihren Bachelor in Gesang bereits bestanden und studiert nun in der Fachrichtung Operngesang. Sie genießt vor allem die große Herzlichkeit, mit der sie in der Ötigheimer Schauspielschar aufgenommen wurde. Es sind alle voller Leidenschaft dabei. Das ist sehr beeindruckend, erzählt Lisa Hähnel. Besonders gut gefällt ihr, dass der singende Engel als Hoffnungsengel durch das ganze Stück aktiv ist. Dadurch muss dieser Part auch bei den zahlreichen Proben auf Deutschlands größter Freilichtbühne stets besetzt sein.
Auch hier arbeiten Lisa Hähnel und Christina Gailfuss eng zusammen. Wenn die andere eine Probe verpasst hat, treffen wir und das nächste Mal einfach etwas früher, so dass wir beide den Part voll drauf haben, berichtet Gailfuss, die den Austausch mit einem Profi sehr schätzt: Da kann ich noch eine Menge lernen, sagt sie. Hähnel ist derweil nicht nur als Engel aktiv, sondern unterstützt hinter den Kulissen auch den musikalischen Leiter Ulrich Wagner bei der Stimmbildung der verschiedenen Chöre. Mehr als 230 Sängerinnen und Sänger werden bei der Passion im Einsatz sein. Bis zur Premiere am 14. Juni stehen in der kommenden Woche die Generalproben an. Lisa Hähnel und Christina Gailfuss freuen sich darauf: Der singende Engel ist eine sehr schöne Rolle mit großen Herausforderungen, sagen die beiden. (Stephan Friedrich)

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