Badisches Tagblatt, 8. Juli 2017

Und über allem liegt der Duft von Haarspray

Wie kann nur irgendjemand hier den Überblick behalten? Ein ganzes Rudel Wölfe hat sich gerade in der Maske der Volksschauspiele eingefunden – das heißt: Derzeit sehen sie noch wie Menschen aus und tragen nur Wolfskostüme. Damit die Verwandlung perfekt wird, sind Karl-Heinz Kellermann und sein vierköpfiges Team aus Maskenbildnerinnen hier vollauf beschäftigt. Bärte werden zusammengesucht, die passende Schminkfarbe bereitgestellt, Mastixkleber aufgepinselt. Und über allem liegt der Duft von Haarspray.

Das BT war bei der Hauptprobe für das Dschungelbuch dabei, das heute Premiere hat. Deshalb auch das emsige Treiben. Schon anderthalb Stunden bevor es überhaupt losgeht mit der Probe oder der Aufführung, wird normalerweise mit den Vorbereitungen begonnen. Heute geht es dabei noch hektischer zu als sonst, weil einige der Maskenbildner im Stau standen. Nachdem alles gerichtet ist – die Kostümbildnerin wünscht sich mehr silbrigen Schimmer im Gesicht von Schlange Kaa, wo ist nochmal die Glitterfarbe? -, nehmen die Ersten Platz auf den Frisierstühlen. Neben Ulrike Karius, die die Kaa spielt, sind Alexander Grünbacher (Baghira, der Panther), Tobias Kleinhans (Shir Khan, der Tiger), Maximilian Tüg (Balu, der Bär) und Colin Kraft (Mogli) zu schminken – die Hauptdarsteller müssen sich als Erste einsingen heute, deshalb sind sie auch zuerst dran. Luzia Rohrer macht sich ans Werk und schminkt Ulrike Karius zum ersten Mal als Kaa. Ein Foto dient als Orientierung – immerhin soll die Schlange bei den Aufführungen immer möglichst gleich aussehen. Ein bisschen Improvisation gehört dazu, aber auch ganz viel Handwerk. Alle, die heute hier arbeiten, sind ausgebildete Maskenbildner. Luzia Rohrer und Karl-Heinz Kellermann sind längst in Rente. Amelie Wellige arbeitet am Baden-Badener Stadttheater, Melanie Langenstein am Staatstheater Karlsruhe.

Wie viele der Profis hier hinter den Kulissen wirbeln, kommt ganz auf das Stück an: Für Luther werden beispielsweise nur drei Maskenbildner benötigt, bei der Kleinen Hexe in den vergangenen beiden Jahren waren es bis zu sechs.

Was die Arbeit in Ötigheim von der an den Theatern unterscheidet? Einerseits geht es hier etwas „grober“ zu, was die Technik betrifft: Die Darsteller spielen ja im Freien, ohne Kunstlicht, das Publikum sitzt etwas weiter weg als im Schauspielhaus. Und andererseits ist hier alles familiärer, lockerer irgendwie, meint Amelie Wellige. Theaterhierarchie, so etwas gibt’s hier nicht, meint Karl-Heinz Kellermann, während er der kleinen Hannah Waldner ein Gummibärchen zusteckt. Sie hat sich, ebenso wie ihre Mama Sonja, inzwischen in einen kleinen Mini-Wolf verwandelt und hat beim Anpassen des Barts tapfer still gehalten. Ihr Bruder Simon wird gerade von Luzia Rohrer bearbeitet: Sie malt seine Beine in Tarnfarben an.

Die Mitglieder der Tanzgruppen und des Chors schminken sich hinter der Bühne selbst. Das Maskenbildner-Team gibt gerne Tipps, wie man die wasserlösliche Schminke am besten mit dem Schwämmchen aufträgt (Nicht zu viel Wasser nehmen), nebenher werden die Rollenträger weiter bearbeitet. Die Dreadlocks an der Perücke von Shir Khan werden etwas gelöst, damit die Haarpracht noch etwas wilder wirkt. Überhaupt, die Perücken: „Alles Handarbeit“, erklärt Kellermann nicht ohne Stolz. Er ist gerade dabei, Baghiras Schnurrbart zu glätten. Kaufen kann man so etwas nicht, meint der Maskenbildner, der schon seit 1980 in Ötigheim dabei ist. Von Ruhestand keine Spur, scherzt Luzia Rohrer. Wenn sie nicht in Ötigheim arbeite, sei sie bei den Pfingstfestspielen im Festspielhaus oder in Pforzheim im Einsatz. Man sieht aber, dass das hier ihre Leidenschaft ist.

Die Arbeit wird nicht weniger, auch wenn die Probe längst begonnen hat. Immerhin wartet noch eine Elefantenarmee auf ihren Auftritt. Langweilig wird es uns hier nicht, meint Kellermann lachend. Und wenn man um sich blickt, auf die konzentrierten Gesichter der Maskenbildner und die etwas angespannten Mienen der Schauspieler kurz vor dem Auftritt, dann kann man daran keinen Zweifel hegen. (Yvonne Hauptmann)

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