Konradsblatt, 15. Juni 2014

Dem Tod ein Schnippchen schlagen

Es geht um Leben und Tod im neuen Stück der volksschauspiele in Ötigheim. Trotzdem – oder gerade deswegen – besteht Grund zur philosophischen Heiterkeit. Der bayrische Himmel ist nicht fern.

Was bewahrt vorm Tod? Gebete, geistliche Übungen? Nein, Kirschgeist und Kartenspiel. Denn mit der alkoholischen Flüßigkeit und ein paar Tricksereien mit den Spielkarten schafft es der Brandner Kaspar sich 18 weitere Lebensjahre zu ertricksen.

Schnaps ist in der Realität nicht lebensverlängernd. Den Brandner Kaspar und das ewig‘ Leben bringen die Volksschauspiele in Ötigheim bei Rastatt in dieser Saison auf die Bühne. Sie führen ihre Zuschauer damit ins tiefste Bayern, denn das Spiel um Leben und Tod hat weißblaue Tradition.

Der Sensenmann heißt deshalb Boanlkramer, ein Name, der ihm nur in Bayern zu fällt. Knochenhändler könnte man das ins Hochdeutsche übersetzen. Es ist tatsächlich ein Handel, den er da mit dem Kaspar Brandner im Sinn hat: Der 72-jährige soll das Leben geben und dafür den Eintritt in den Himmel erhalten. Aber der Bayer möchte weiterleben, 18 Jahre, bis er 90 ist, so alt wie sein Vater.

Tod und Sterben begegnen uns heute in jeder Tagesschau, in jedem Ballerspiel und in jedem Actionfilm. Sie laufen so nebenher, oberflächlich. Aber bei genauerem Hinsehen gehen sie unter die Haut – vorallem, wenn es um die eigene Endlichkeit geht. Vielleicht können die Ötigheimer deshalb nicht die Zahlen aus dem Vorverkauf melden, die noch im letzte Jahr das Schwarzwaldmädel hatte – was dieses Jahr übrigens nochmal als Wiederholung auf dem Programm steht.

Dabei wollen die Theatermacher nicht, dass die Zuschauer am Schluss in kollektive Depression verfallen. Denn der Brandner Kaspar und das ewig Leben sei ein fröhliches Stück. Es hat wesentlich etwas mit der frohen Botschaft zu tun, der Pfarrer des Ortes und Vorsitzender des Trägervereins. Eine Komödie, eine farbenfrohe Sache, werde aufgeführt. Bunt wird es nicht zuletzt deshalb, weil der Tod hier den Weg in den Himmel zeigt, der bayerisch gefärbt ist – wer schon einmal Urlaub am Königsee oder im Allgäu machte, weiß was gemeint ist. Weißwürstel, Weißbier und weißblau satt. Denn um den trinkfesten Bayern wieder umzustimmen lässt der Tod ihn einen Blick in die Seligkeit werfen. Auch einen preußischen Himmel gibt es. Dessen Bewohner kommen auch im Stück vor, sie linsen sozusagen um die Ecke. Zu sehen ist er aber nicht, denn er sei, so wird versichert, nicht so sehenswert, dass er auf der Bühne gezeigt werden müsste.

Bei allem Spaß, ein wenig Nachdenken über das Metaphysische darf aber schon sein. Was auf die Bühne kommt strahle eine philosophische Heiterkeit aus, sagt Regisseur und Spielleiter Gerhard Franz Brucker. Die zusätzliche Zeit nimmt der Boanlkramer von der Enkelin Marei des Brandner Kaspar. Er schickt das junge Ding 18 Jahre zu früh von der Erde – was der Alte nicht beabsichtigte, wollte er doch für sie da sein. Der Tod zeigt hier seinen Stachel, auch wenn er sich vorher übertölpeln ließ. Vielleicht ist es manchmal ganz gut, wenn der Mensch nicht eingreift, zieht Brucker den Schluss daraus.

Für das Stück haben sie einige Umbauten unternommen, auch wenn die große Kulisse, die gotische Kathedrale, die auch schon beim Glöckner von Notre Dame den Hintergrund bildete bestehen bleibt. Wie beim Schwarzwaldmädel gibt es ein Wirtshaus, aus dem Blauen Ochsen wird ein Goldener Löwe. Bis zu 600 Amateurdarsteller bevölkern die Bühne, das Dorf, Ötigheim spielt wieder Theater. Auch die Hauptdarsteller sind keine Profis. Sie hatten dieses Mal mit einer besonderen Herausforderung zu tun: Das Stück gehört zum bayerischen Kulturgut. Wir urbadener haben versucht, uns den Dialekt zuzulegen, so Brucker. Aber er beruhigt sogleich: Es wird nicht so bayerisch, dass das Publikum nichts versteht.

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