Badisches Tagblatt, 14. April 2018

Christel von der Post nimmt Platz

Im Jahr 1891 uraufgeführt in Wien, am 16. Juni Debüt auf Deutschlands größter Freilichtbühne: Der Vogelhändler macht in diesem Jahr erstmals Station in Ötigheim (wir berichteten). Kurz vor der Pause der dreiaktigen Operette hat Gustav Schäfer aus Bietigheim seinen Auftritt. Als Lenker einer Postkutsche hat er Christel von der Post im Gepäck und chauffiert diese auf den Tellplatz.

Nach kurzer Standzeit verlässt er das Bühnenbild wieder, hat damit Feierabend bis zur nächsten Vorführung. Am Donnerstag kam die Kutsche bei den Proben erstmals zum Einsatz. Das gute Stück lässt sich wirklich gut fahren und ist gut in Schuss, bestätigt Schäfer. Insgesamt 14 Mal wird er zwischen Juni und Ende August Christel vor die Zuschauerkulisse der Freilichtbühne steuern, bevor die Saison zu Ende geht. Vor die Kutsche mit der Aufschrift Großherzogliche Badische Post hat der 76-jährige Bietigheimer die Pferde Gina (11) und deren Sohn Diego (4) gespannt.

Neben Schäfer sitzt im Normalfall Laura Rothweiler, die in Ausnahmefällen von ihrer Mutter Sabine vertreten wird, und gibt mit dem Posthorn Signale. Platz ist in dem gelben Gefährt für vier Personen bei einer Höhe von 2,30 Metern und einer Länge von knapp drei Metern. Die Kutsche, die einem namentlich nicht genannten Privatbesitzer gehört, sei bereits 120 Jahre alt, wie Schäfer mitteilt. Seit vergangenem Ostermontag, mit Beginn der Volksproben, steht das Fahrzeug den Volksschauspielen zur Verfügung.

Mit Schäfer hat auf dem alten Gefährt im Übrigen ein erfahrener Mann die Zügel in der Hand. Bereits bei Ben Hur im Jahr 1981 lenkte er die Pferde des Charakters Masalla beim Wagenrennen. Dass dabei in all den Jahren seiner Tätigkeit bei den Volksschauspielen nicht immer alles reibungslos lief, fügt er mit einem Schmunzeln hinzu: Bei Ben Hur ist bei meinem Wagen in der vierten Runde ein Rad abgebrochen. Das war allerdings zwei Runden zu früh. Wir haben es trotzdem im wahrsten Sinne des Wortes durchgezogen, erzählt er. Auch bei Brandner Kaspar gab es einen Zwischenfall, der Schäfer in Erinnerung blieb. So sei der damalige Schauspieler Toni Berger, in der Rolle des Boanlkramer, von einem Sarg gefallen. Diesen Sarg zog Schäfers Pferd, das der Bietigheimer aus dem Inneren des Sargs lenkte. Kleinigkeiten, beschreibt er diese Zwischenfälle.

Als besondere Erlebnisse blieben ihm vor allem die Kutschfahrten mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel und Gräfin Sonja Bernadotte in Erinnerung, die Platz hinter ihm nahmen. Scheel war damals zu Besuch in Baden-Baden, die Gräfin in Rheinstetten, erzählt er.

Dass in diesem Jahr mit der Postkutsche alles gutgehen wird, daran glaubt er fest. Die ist wirklich top in Schuss. Bei der ersten Probe lief im Übrigen alles wie geplant und der diesjährigen Spielsaison stehe somit nichts im Wege, freut sich der

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