Badische Neueste Nachrichten, 28.07.2020

Ötigheimer Proben seit langer Pause wieder

Lange war sie völlig ungestört, die Distel, die zwischen den Treppenstufen, die zum Orchestergraben führen, gewachsen ist. Gut 50 Zentimeter reckt sie sich nach oben. Wenn jetzt ein normales Jahr wäre, hätte sie keine Chance gehabt sagt Johannes Tüg, der im Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit der Volksschauspiele Ötigheim verantwortlich ist, mit einem Lachen. (…)

Am Sonntag aber ist sie aufgefallen. Da strömten erstmals wieder Sängerinnen und Sänger in das Rund der Freilichtbühne. Doch sie stellten sich nicht auf der Bühne auf, sondern nahmen im Zuschauer-Halbrund Platz. Mit gebührendem Sicherheitsabstand zum Neben- und Hintermann. 81 kamen zur ersten Probe des großen Chores der Volksschauspiele Ötigheim, darunter auch Regisseur Frank Strobel, der eigens aus Rostock anreiste. Rudi Wild, Vorsitzender des Spielausschusses, lobte die Disziplin, mit der alle auf das Gelände gekommen sind. (…)

Fünf Monate hatte der große Chor aufgrund der Corona-Pandemie pausiert. Vor fünf Monaten war die Musik zu Wilhelm Tell, der in dieser Saison das Hauptstück hätte sein sollen, fast fertig geprobt. Ich halte es daher für verfrüht, jetzt schon mit den Proben zu beginnen für die nächste Spielzeit sagte ein Tenor. Er steht aber ziemlich allein mit seiner Meinung: Die Anderen freuen sich, endlich wieder auf ihrem Tellplatz zu sein und die Chormitglieder, mit denen sie sonst jedes Wochenende im Sommer auf der Bühne stehen, wieder zu sehen. Für mich ist diese Probe sehr wichtig, so der musikalische Leiter. Er will hören, was hängengeblieben ist, die Sängerinnen und Sänger wieder motivieren. Dennoch ist ihm bewusst, dass das eine ganz andere Probenarbeit sein wird. (…)

Die Anfangsübungen, um das Zwerchfell und den Mund zu lockern, geben ein erstes Gefühl für die fremdartige Situation. Lasst das ,A‘ wie ein ,O‘ klingen und hört ihm in dem großen Resonanzraum nach, leitet Markus Bieringer an und wünscht sich mehr Lächeln im Klang. Lange Glissandi, schwungvolle Girlanden und der „Lippen-Propeller“ sind weitere Übungen, die auf den Einsatz des ersten Chorsatzes vorbereiten. Dann erklingt Ihr Berge lebt wohl aus 81 Kehlen und es hört sich aus der Distanz schon richtig gut an. Sogar an dynamische Feinheiten erinnert sich die eine oder andere Sopranistin. (…) (Martina Holbein)

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