Badisches Tagblatt, 30. Mai 2016

Chorfestival mit vielen Überraschungseffekten

Während in Stuttgart 400 Chöre aus ganz Europa sich miteinander messen, treffen sich in Baden in zahlreichen Veranstaltungen preisgekrönte Chöre aus vier Kontinenten zum 5. Internationalen Chorfestival. Zu dem Festival, das alle drei Jahre stattfindet und vom Männergesangverein 1863 Ötigheim veranstaltet wird, hatten sich 850 Sängerinnen und Sänger eingefunden.

Das Chorfest steht als Zeichen der Begegnungen verschiedener Kulturen, zur Förderung gegenseitigen Verständnisses im miteinander Musizieren und in gemeinsamer Freude am Singen. Als Höhepunkt des Treffens preisgekrönter Chöre aus aller Welt galt das gemeinsame Konzert auf der Freilichtbühne Ötigheim, das der bekannte Baden-Badener Sänger Marc Marshall souverän moderierte. Veranstaltungen in Ötigheim sind immer ein großes Volksfest, das sein Publikum von weit her anlockt, dies sollte auch diesmal keineswegs enttäuscht werden.

Das Blechbläserquintett Brass 4.1 begrüßte Publikum und Ausführende mit verheißungsvollen Fanfarenklängen und bereitete das Podium für den Gastgeber, den Chor des MGV 1863 Ötigheim und seinen Frauenchor Belle-Amie. Unter dem Dirigat des Chordirektors und musikalischen Leiters des Konzertes, Stefan Kistner, stimmten beide Chöre auf der großen Freitreppe der Freilichtbühne die Festivalhymne an, dazu schmückten Ballerinas des Tanzraums Rastatt den musikalischen Vortrag mit einem eleganten Bändertanz aus. Jeder der einzelnen Chöre bot typisches Liedgut seiner Heimat.

Der Ötigheimer Belle-Amie-Chor unter der Leitung von Annedore Hacker stimmte die Weise Da unten im Tale… an, der Männergesangsverein 1863 dagegen hatte seinen Wagen voll geladen…, dabei gab er sich ebenso komödiantisch wie bei Es klappert die Mühle am rauschenden Bach.

Marc Marshall hatte nicht nur die kundige Moderation übernommen, die allerdings auch der Reklame für seine eigenen Konzerte diente, sondern er gab an diesem Abend auch mikrofonverstärkt zwei schöne Kostproben seines Sololiedgesangs: zunächst das einst vom Komponisten Robert Stolz in der Region verfasste In meinem Vaterhaus steht eine Linde und später noch einen mexikanischen Liedvortrag, am Klavier harmonisch von Annedore Hacker begleitet.

Die Freilichtbühne bot den Regisseuren der Veranstaltung viele Möglichkeiten der Überraschung: Mal traten die Ausführenden aus dem Haupthaus auf oder sie kamen vom Rütli oder von der Hohen Gasse, zu jeder Zeit war Spannung geboten, die nach Einbruch der Dunkelheit noch durch unterschiedliche Beleuchtungen unterstrichen wurde.

Hervorragend beweglichen Chorgesang bot der weißrussische Chor Classik Minsk, ein relativ kleiner Chor aus Berufsmusikern, fast jeder von ihnen schien ein Solist zu sein, aber zusammen präsentierten sie unter dem Dirigat von Valodia Klushakov kunstvollen Chorgesang vom Feinsten, der ein erkennbarer schöner Kontrast zu der puren Lebensfreude ausstrahlendenVorstellung des Destiny Africa Children Choir aus Uganda darstellte. Dieser Chor besteht aus Waisenkindern, die im Kampala Children Center ein behütetes Zuhause gefunden haben und im Chor unter der Leitung von Arnold Mugowe sich selber und ihren Zuhörern Hoffnung auf die Zukunft vermitteln: Everybody have a thing to give oder I belief to have a future unterstrichen von temperamentvollen afrikanischen Trommelexplosionen. Als typisches Beispiel ihrer Heimat präsentierten die Kinder in entsprechenden Kostümen einen ausgelassenen Wedding Dance zu rhythmischen Trommel- und Klatschwirbeln. Der badische Ort Ötigheim verwandelte sich in heißes Afrika, vom Publikum umjubelt.

Nach der Pause läutete, beziehungsweise jazzte das hervorragende Blechbläserquintett Brass 4.1 den zweiten Teil des Abends ein, und danach gab es mit dem Auftritt der Männerstimmen Basel, einem großen Chor aus der Schweiz mit gut geschulten Männerstimmen, eine weitere Überraschung. Die Chormitglieder traten nicht etwa im Smoking auf, sondern jeder von ihnen schien sich in Knickerbockern und Hosenträgern für die Wanderschaft gerüstet zu haben, nur der Chorleiter, Oliver Rudin, agierte im schwarzen Anzug. Was dieser mehrfach ausgezeichnete Männerchor Vorzügliches zu bieten hatte begeisterte.

Auch der Chamber Choir Austrums aus Riga, ein aus etwa 35 Sängerinnen und Sängern bestehender junger Chor aus Lettland in farbenfrohen Trachten, trat auf und bot unter dem Dirigat von Arijs Skepasts sakrales und volkstümliches Liedgut seiner Heimat dar. Da gab es sowohl ein Schwelgen im Stimmenklang als auch ein Experimentieren mit rhythmischen Lippengeräuschen zu erleben.

Nicht zu vergessen seien die Darbietungen des Coro Staccato der autonomen Universität Mexiko-Stadt unter der Leitung von Marco Antonio Ugalde. Der Chor inszenierte seine Darbietungen sehr spannend: Die Sänger bauten sich auf der Bühne auf, und die Frauenstimmen riefen von weit her hinter dem Zuschauerraum, sich der Bühne nähernd, um dann gemeinsam mit lateinamerikanischem Temperament ihre Chorvielfalt in wechselnden Formationen vorzuführen.

Beim imponierenden Finale bauten sich alle Chöre mit der Brass-Band 4.1 auf der Haupttreppe vor der Kulisse auf, gemeinsam wurde die Ötigheimer Festspielhymne gesungen, dazu bewegten sich die beiden Tänzerinnen des Tanzraums Rastatt synchron in eleganter Choreografie auf dem Podium. Das Publikum zeigte sich begeistert und unter den Klängen der vierten Strophe der Hymne als Zugabe entfernten sich alle Teilnehmer von der Bühne in einem sehr diszipliniert verlaufenden Abgang. (Karen Streich)

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