Badische Neueste Nachrichten, 8. April 2019

Calvero sorgt für ausverkauftes Haus

Clowns findet man nicht nur im Zirkus. Einige tummeln sich lieber außerhalb ihres natürlichen Lebensraumes – erst recht die besonderen Clowns. Calvero ist so einer. Und das nicht nur, weil er in der Kleinen Bühne der Volksschauspiele Ötigheim dreimal hintereinander für ein ausverkauftes Haus gesorgt hat. Das Besondere am preisgekrönten König der Clowns, der auch als einer der besten Jongleure der Welt gefeiert wird, ist, dass er wieder ein grandioses Programm voller Poesie erarbeitet hat, das nicht laut polternd daherkommt, sondern die leisen Töne bevorzugt und von einem subversiven Humor geprägt ist.

Beim Vorpremieren-Wochenende spielt sich Calvero alias Markus Stößer, der in Durmersheim und der Schweiz lebt, in die Herzen der Zuschauer und beschert ihnen ganz ohne Worte einen vergnüglichen, perfekt inszenierten, wenn auch zugegebenermaßen sehr langen Abend. Lachsalven provoziert er zwar nicht – und er erntet für seine schwerelose Kunst auch keine Jubelstürme. Aber darauf hat es sein neues Stück Aller Tage Abend, das am 30. Mai in Köln uraufgeführt wird, auch nicht abgesehen. Meilenweit entfernt von abgedroschenem Klamauk, bietet es wunderbare Nummern zwischen fröhlicher Leichtigkeit und herzzerreißender Melancholie.

Neues und Überraschendes ist darin zu finden, aber auch Bekanntes. Mit unnachahmlicher Mimik und Gestik erzählt der sympathische Frackträger mit der roten Knollnase, den zerzausten Wuschelhaaren und der gelben Blume im Mund mit poetischen Bildern vom Loslassen, Abschiednehmen und dem Ende des Lebens. Seine dreistündige „Reise“ startet er auf einem voll beladenen Holzkarren, mit dem er auf die Bühne gerollt kommt. Calvero deckt ein Tischchen ein, macht darauf einen Kopfstand. Inzwischen barfüßig und ohne Frack, öffnet er den mitgebrachten Reisekoffer und holt sich aus dieser „Fundgrube“ kleine und größere Requisiten, die er für seine verspielten Kunststücke und die vielen kleinen Szenen benötigt. Vom Glöckchen für den Zeh über unterschiedlich große Strohhalme, Pfeffermühle, Limonadenflasche, Spieluhr, Sparschwein, Discokugel, Zwieback-Karton oder Pizza-Schachtel ist alles dabei.

Nicht zu vergessen, die Bälle, mit denen er auf die aberwitzigste Weise jongliert. Kleine Jonglage-Pannen sind für ihn kein Beinbruch. Calvero schnauft einfach kurz durch, rollt die Augen und verwandelt sich in einen Vogel, indem er die Fächer von Omas großem Nähkästchen ausbreitet und sich den Flügel auf den Rücken setzt. An skurrilen Einfällen herrscht kein Mangel. Ebenso wenig an famosen Musikeinspielungen vom Band, die zur jeweiligen Stimmung und Szene passen. Auch musikalische Albereien gibt es zur Genüge – ob mit Panflöte, Schellenregenschirm, Spieluhr oder auf dem Wok. Köstlich ist Calveros Interpretation von Vivaldis Die vier Jahreszeiten.

Die lassen ihn im Winter zum Schneemann werden, der in der Frühlingssonne dahinschmilzt. Tragisch-makaber, nämlich mit der Schlinge um den Hals, endet der von Jacques Brels Ne me quitte pas begleitete Abschied vom Vogelnachwuchs. Der Künstler packt seine Utensilien ein, zieht sich wieder an, schnallt den Koffer aufs Gefährt. Wer denkt, die Reise sei damit zu Ende, hat sich getäuscht. Es gibt noch ein Spieluhrenkonzert und einen Striptease, der auf dem Totenbett endet. Doch so deprimierend endet das Stück natürlich nicht. Calvero entkleidet sich erneut, kommt mit Badehose und Flossen auf die Bühne, stellt den Sonnenschirm auf, macht es sich zu Charles Trénets La Mer im Liegestuhl gemütlich und döst vor sich hin. Die Stranderholung hat er sich redlich verdient. (Ralf Joachim Kraft)

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