Badisches Tagblatt, 30. Mai 2016

Volksschauspiele gewähren Blick hinter die Kulissen

Der heimliche Wunsch, einmal ganz oben auf der großen Freitreppe des Ötigheimer Naturtheaters zu stehen, war gestern beim Theaterfest der Volksschauspiele (VSÖ) erfüllbar. Zur Feier seines laut Bürgermeister Kiefer staunenswerten Jubiläums öffnete der Theaterverein Tor und Tür. In Scharen kamen die Gäste, genossen umfangreiche Einblicke in das Tellplatz-Geschehen.

Zum 110-jährigen Bestehen ließ sich das Ötigheimer Liebhabertheater nicht abgehoben feiern. Man krempelte bodenständig die Ärmel hoch, suchte die Nähe zum treuen Publikum und gönnte den Fans sowie solchen, die es noch werden wollen, bei freiem Eintritt einen elfstündigen, abwechslungsreichen Eventsonntag bei Freunden. Für die Besucher war es ein Tag ohne Berührungsbarrieren. Sie erlebten auf der Foyerbühne die Professionalität der Akteure, im Freilichtfoyer die badische Herzlichkeit der Gastgeber und manches Déjà-vu mit Rollenträgern bei der Gästebetreuung. Für die Bewirtung sorgte der örtliche Fußballverein.

Die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche, der politischen Gemeinde sowie den Vereinen gehöre seit 110 Jahren zum Usus der VSÖ als kulturelles Aushängeschild für Ötigheim, wie Frank Kiefer hervorhob. Pfarrer Erich Penka betonte, der Verein habe sich im Lauf der Generationen stets erneuert. Die Jugend tritt in die Fußstapfen der Eltern und Großeltern. Die VSÖ arbeiten generationenverbindend und über Ötigheim hinaus; es kommen auf dem Tellplatz Menschen von Offenburg bis Bruchsal zusammen beim Tanzen, Fechten, Musizieren und Schauspielen.

Nach Eröffnung des Fests übergab Penka an das dynamisch aufspielende Jugendorchester unter der Leitung von Tanja Maria Wagner. Wenig Zugkraft hatte zunächst die Kostümversteigerung. Heinz Lorenz und Paul Kühn mühten sich verzweifelt, die rund 200 Roben aus Stücken wie Götz von Berlichingen, Die drei Musketiere, Ronja Räubertochter, Romeo und Julia, Das Wirtshaus im Spessart und Peter Pan feilzubieten.

Das Blatt wendete sich, als das Publikum kurzerhand die Bühne in eine Shoppingmeile verwandelte und eifrig in den Kleiderständern nach passenden Outfits stöberte. Spannend war der Blick auf die Regiearbeit von Peter Lüdi bei der öffentlichen Probe von Les Misérables auf der Freilichtbühne.

Die Kinderballetttruppen unter der Leitung von Andrei Golescu und Julia Krug sowie die hauseigenen Kinderchöre unter dem Dirigat von Maria Bagger verzauberten danach im Foyer und verdeutlichten erneut die beispielhafte Jugendarbeit des Theatervereins. Die Kunstfertigkeit der Maskenbildnercrew um Karl-Heinz Kellermann stellte Matthias Götz vor. Neben der Verwandlung des Gesichts eines VSÖ-Mitglieds in das entstellte Aussehen des buckligen Quasimodo (Der Glöckner von Notre Dame) schminkten die Make-up-Künstler einige Darsteller für die Abendshow. Eine Stunde lang präsentierten die Volksschauspiele dabei Glanzlichter ihrer erfolgreichsten Aufführungen, bevor das Duo Schlummerfunktion die Zeit bis zum von Michael Lerner und Adrian Walz vorbereiteten Feuerwerk verkürzte. (Manuela Behrendt)

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