Badische Neueste Nachrichten, 8. August 2016

Blick aufs Leben hinter der Bühne

Kiss me, Kate, ruft Petrucchio verzweifelt. Doch die Schöne mit dem feurigen Temperament hört nicht auf sein Flehen, sondern faucht zurück, schlägt ihm die Tür ins Gesicht und schiebt den Riegel vor. Hitzig geht es zu bei William Shakespeare und auch in der Realität fliegen hinter der Bühne, ungesehen vom Publikum, die Fetzen. Die beiden Hauptdarsteller des Stücks, die gemeinsam Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung auf die Bühne bringen sollen, sind sich spinnefeind oder glimmt da doch noch ein Fünkchen Liebe zwischen dem geschiedenen Paar?

Es ist Premiere auf der Freilichtbühne Ötigheim und 3 200 Zuschauer sind gekommen, um sich über drei Stunden lang von Schauspiel, Gesang und Tanz unterhalten zu lassen. Das Wetter spielt mit und die erfahrenen Freilichtbühnenbesucher sind eingedeckt mit warmen Jacken, Decken und Kissen.

Und schon geht es los, das Musical Kiss me, Kate, eine musikalische Komödie von Samuel und Bella Spewack und der Musik von Cole Porter, ein Stück um Liebe und Betrug, um Spielsucht und verletzte Eitelkeiten, um Ehrgeiz und Erfolg, zieht in seinen Bann, denn auf der weitläufigen Bühne ist einiges geboten. Vor den Augen der Zuschauer entsteht ein Theater und gibt dem Betrachter einen Einblick auf das Leben und Geschehen hinter der Bühne, das sonst im Verborgenen bleibt. Gezeigt werden Szenen in der Garderobe, beim Kaffeeautomaten, Bühneneingang, Orchester und auf der Hauptbühne. Munter ist das Treiben und alle sind schon mächtig nervös, denn die Show in der Show geht bald los. Wunderschön sind die einzelnen Szenen für das Auge. Sie sind voller Leben und die verschiedenen Bühnen und Bereiche der Freilichtbühne werden vom Ensemble aufs Beste ausgenützt.

Ständig ist irgendetwas in Bewegung, sind verschiedene Schauspieler in der Szene, die alle am Gesamtbild beteiligt sind. Die bunten Kostüme, modern oder historisch, tragen zum stimmigen Gesamteindruck bei. Lustig ist die Inszenierung, frech und modern. Sogar das Mobiltelefon findet Einzug. Gelungen ist die Verbindung von moderner Theatertruppe, die aus den 1930er Jahren in die Moderne verpflanzt wurde und dem von ihr gespielten Shakespeare Stück Der Widerspenstigen Zähmung. Auch die Spezialeffekte in Form von klassischen Automobilen und einem Esel, der immer wieder Hauptdarsteller Reinhard Danner tragen darf, erfreuen das Publikum, das dem Treiben auf der Bühne begeistert folgt. Bewegung bringen auch die flotten Tanzszenen, die die Handlung begleiten und oft neue Entwicklungen einleiten. Live-Musik ist auch bei der Premiere selbstverständlich und das Orchester erntet gebührenden Applaus, bevor es im Orchestergraben verschwindet.

Hervorragend sind die beiden Widersacher: Leidenschaftlich zeigt sich Reinhard Danner, während Viola Zimmermann mit ihrem Gesang besticht und mit ihren genialen Fratzen als Kathrina viele Lacher auf ihrer Seite hat. Marysol Ximénez-Carrillo ist eine süße Nebenbuhlerin. Zu den heimlichen Stars werden im Laufe des Stücks die beiden Ganoven Roman Gallion und Christoph Dettling, die urkomisch als Gauner mit klassischer Bildung und als Rauscheengelchen sind. Insgesamt ist es eine mitreißende Inszenierung von Stefan Haufe (musikalische Leitung hat Ulrich Wagner), die von den vielen Mitwirkenden lebt, die das Ganze aufregend und stimmig machen. Das Premierenpublikum bedankte sich mit nicht enden wollendem Applaus. (Beatrix Ottmüller)

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