Der Sonntag, 22. Juni 2014

Der Sonntag bei Gerhard F. Brucker

Jedes Leben ist ein Stück, in dem wir die Hauptrolle ausfüllen. Franz Brucker kann Lebensstationen anhand seiner Rollen im Wilhelm Tell erzählen: Mit 11 Jahren spielte ich Tells Kind Walter, dem der Apfel vom Kopf geschossen wird, dann in jungen Jahren den  ’Frießhardt’, später den ’Arnold von Melchtal’, mit 44 die Hauptrolle und vor einigen Jahren den alten Attinghausen, der in Schillers Schauspiel stirbt. Über 60 Jahre schon währt die Verbindung des pensionierten Lehrers zu den Volksschauspielen in Ötigheim – wie bei so vielen im theaterbegeisterten Ort.

Gestern Abend hatte das neue Stück Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben Premiere in der Regie von Bruckner. Heute steht er, nach dem morgendlichen Gottesdienst auf dem Tellplatz, gleich wieder etwas angespannt hinter den Kulissen der größten deutschen Freilichtbühne. Die Premiere der anderen Besetzung beginnt um 14.30 Uhr. (Es gibt noch Karten an der Tageskasse ab 13 Uhr.) Das neue Stück ist eine Komödie, bei der aber auch die letzten Dinge des Lebens verhandelt werden, weil wir in ein Paradies hineinschauen, beschreibt Brucker. In den seit Oktober laufenden Proben hat er Wert darauf gelegt, dass im Brander Kaspar das bayrische Idiom gut rüberkommt.

Er selbst hat eine enge Verbindung nach Österreich. Von dort stammt sein Vater, der im Zweiten Weltkrieg vermisst wurde, und dorthin reist er immer noch gern zu Verwandten. In Wien besuche ich dann möglichst das Burgtheater, erzählt der Mann, der mit Akribie weitere Rollen in seinem Leben ausfüllte: Er war in Muggensturm und Ötigheim Lehrer mit Leidenschaft, und stand als Chorsänger und Solist auf den Bühnen von Sizilien bis Kanada. Stolz ist Brucker, dass sein Sohn Nicolai Alexander die künstlerische Tradition fortsetzt und ausgebildeter Schauspieler und Musicaldarsteller wurde.

Den Theatersommer in Ötigheim genießt der 70-jährige Regisseur stets aufs Neue, weil hier wirklich Jung und Alt so gut zusammenstehen. Die Erfahrungen rund um die Bühne, hat Brucker tief in sich aufgenommen und lacht gern herzhaft über so manche Anekdote. Ich war 16 und habe in der ‚Passion’ mitgespielt. Da fiel mir auf, dass mein Nachbar seinen Text vergessen hatte. Da hab’ ich ihm laufend souffliert. Dabei wäre es mein eigener Text gewesen. (Thomas Liebscher)

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