Badisches Tagblatt, 7. Juni 2016

Ausfallschritt und Bajonettstoß

Hoher Stich, Ausweichen linksSeptime, tiefer Stich, Schutz links unten, Second, Hieb 1, Schutz rechts unten … Tod des Studenten. So klingt die Illusion einer mörderischen Kampfszene auf einem kleinen Zettel, den Lukas Tüg und Thomas Piek neben sich auf dem Boden liegen haben. Ihre Schritte haben sie genau im Kopf – seit vielen Wochen proben die beiden zusammen mit 53 anderen Darstellern für die Kampfszenen im Stück Les Misérables der Ötigheimer Volksschauspiele.

Ihre Schritte und Abläufe folgen dabei einer von Kampftrainer Winnie Engber ausgearbeiteten Choreographie. Es ist ein bisschen wie beim Balletttanzen. Jeder muss seine Bewegungen und die des Gegenübers genau kennen und üben. Nur, dass es bei uns nicht heißt ,Plié, sondern ,Ausfallschritt und Bajonettstoß‘, vergleicht Engber. Und tatsächlich: Wer die Protagonisten, die Schritte und Ausweichmanöver nahe der Getränkeausgabe auf dem Tellplatz in Zweierteams immer und immer wieder wiederholen sieht, fühlt sich wie bei einer Tanzübung, nur dass die Bewegungen nicht Ästhetik, sondern brutalen Kampf verkörpern.

Es ist ein wenig auch ein Spiel mit der Gefahr. Blaue Flecken oder Schürfwunden sind schon drin, wenn man nicht aufpasst, sagt Engber. Zwar sind die von den Soldatendarstellern im Stück bei den Barrikadenkämpfen verwendeten Vorderlader nur aus Holz und einem Eisenrohr mit abgerundeten Bajonetten, aber allein durch ihr Gewicht wird ein unkontrollierter oder falsch parierter Schlag zum Verletzungsrisiko. Gleiches gilt für die meist mit Knüppeln bewaffneten Studenten, die sich im Stück gegen die uniformierten Brigaden stellen.

Entsprechend wichtig ist die Übung. Die Herausforderung besteht darin, die Aggressivität des Kampfes bestmöglich darzustellen, aber innerlich ruhig zu bleiben. Oft wirken die Schritte am Anfang überhastet – das sieht dann unrealistisch aus: Ein ausgebildeter Soldat mit Bajonett springt nicht in der Gegend herum, umreist Engeber die Hauptschwierigkeit. Immer wieder schreitet er beim Kampftraining zwischen den sich duellierenden Partnern hin und her, beobachtet und korrigiert. Manchmal macht er die Schritte auch noch mal selbst vor. Oft verbessern sich die Partner aber auch gegenseitig. Viele von ihnen sind nicht zum ersten Mal Protagonisten einer Kampfszene. Die groben Bewegungsabläufe zu lernen ist nicht das Problem, vielmehr die Reihenfolge im Gleichklang mit dem Partner exakt einzuhalten, sind sich Tüg und Piek einig.

Dabei gilt: Nicht nur das Kämpfen, auch der Tod auf der Bühne will gelernt sein. Es ist wichtig, sich richtig abzurollen oder so umzufallen, dass sich der Darsteller nicht beim Sturz oder an seiner eigenen Waffe verletzt, betont Engber. Sein Wissen über die Choreographie des Kampfes hat sich der 37-jährige Programmierer aus Rastatt in zahlreichen Workshops angeeignet.

Für die Volksschauspiele ist er seit 2005 tätig. Seitdem hieß es auf dem Tellplatz schon unzählige Male en garde. Doch eine Sache ist auch für ihn in diesem Jahr neu. Der Kampf mit dem Bajonett. Um realistische Szenen entwerfen zu können, wälzte er teilweise historische Fachliteratur, die die genaue Art der Auseinandersetzung mit den aufgesetzten Dolchen beschreibt.

Wenn es dann so weit ist, fiebere ich natürlich mit, ein bisschen wie ein Regisseur beim Film – man will ja schließlich, dass es gut wird, blickt Engber auf die Premierenvorstellung am Samstag, 11. Juni. Bis dahin heißt es für Tüg, Piek und Kompagnons ein letztes Mal üben, üben, üben. (Florian Krekel)

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