Badische Neueste Nachrichten, 2. Juli 2016

Mit dem Rollator auf dem Blocksberg

Erinnerst du dich noch? Vergangenes Jahr, Walpurgisnacht? Drei Tage musstest du durch den Wald nach Hause laufen, weil die großen Hexen dir den Besen weggezaubert haben! Die kleine Hexe kann sich noch bestens an die Geschichte erinnern, die ihr der Rabe Abraxas erzählt. Und jetzt ist es wieder soweit, die Walpurgisnacht steht bevor und davor die große Hexenprüfung, damit sie auch am Blocksberg mittanzen darf. Viermal wird sie noch mit ihrem Besen etwas holprig über den Tellplatz fliegen, weil sie ja erst eine kleine Hexe ist mit ihren 127 Jahren. Viermal noch wird sie Zwiesprache mit ihrem Raben Abraxas halten, ob man eine gute Hexe wird, wenn man dem Jäger einen schweren Buckelkorb anhext oder die Papierblüten des armen Blumenmädchens duften lässt. Am Samstag, 9. Juni, um 15 Uhr hat die Wiederaufnahme der Kleinen Hexe Premiere, die 2015 Klein und Groß gleichermaßen auf der Freilichtbühne Ötigheim verzauberte.

Bereits im März hat Regisseur Matthias Götz mit den Proben begonnen und war erstaunt, wie gut alles noch sitzt. Es gab allerdings auch nur ganz wenige Neue im Ensemble zu integrieren und das war in der Statisterie. Sie seien richtig gut aufgenommen worden und werden jetzt von den alten Hasen einfach mitgenommen, so der Regisseur, der zum zweiten Mal bei einem Kinderstück auf der großen Bühne Regie führt. Als Darsteller ist Matthias Götz schon seit fast 40 Jahren bei den Volksschauspielen unterwegs, zuletzt als Polizeioffizier Javert bei Les Misérables. Und auch auf der Kleinen Bühne führt er Regie und kümmert sich besonders um die nachwachsende Generation. Für ihn war es besonders reizvoll, die vielen verschiedenen Spielorte der Freilichtbühne zu bespielen, so dass ein bunter Bilderbogen entsteht und jede Episode der Kindergeschichte von Otfried Preußler ihren Spielort hat

Dass seit dem Erscheinungsdatum 1957 viele Kindergenerationen mit der kleinen Hexe groß geworden sind, ist Herausforderung und Ansporn zugleich. Denn es gilt einen Kinderroman so auf die Bühne zu bringen, dass die wichtigsten Szenen und Dialoge für den Wiedererkennungswert enthalten sind. Dazu gehört die Hexenschar, die auf ihren Besen fliegt, sowie tierische Statisten und immer wieder Szenenbilder, die wie Gemälde erscheinen. Daran vor allem beteiligt sind der Kinderchor (Leitung: Maria Bagger) und die Kindertanzgruppe (Leitung: Julia Krug und Andrej Golescu) und alle erwachsenen Statisten. Fantasievoll hat Ulrike Weßbecher die Kostüme gestaltet, vor allem die der erwachsenen Hexen: Auf den ersten Blick ist dank der deutlichen Symbolsprache zu erkennen, ob da jetzt die Oberhexe oder die Muhme Rumpumpel zu gange ist oder eine der Waldhexen. Und auch das Bühnenbild von Bettina Scholzen entführt in diese märchenhafte Welt, die dennoch so real ist, dass die Kinder mitfiebern, wenn die kleine Hexe ihre Aufgaben löst.

Ein wenig Aktualität gibt es auch und zwar mit den Rollator-Hexen: Da gab es auch im vergangenen Jahr schon Hallos, wenn die Rollator-Hexe statt auf dem Besen mit dem Rollator angewackelt kam. Oder wenn die Muhme Rumpumpel ihr Smartphone zückt, mit dem sie die Taten der kleinen Hexe penibel aufgezeichnet hat. Isabel Beckert berät sich auch bei der Wiederaufnahme als kleine Hexe mit ihrem Raben Abraxas (Tobias Kleinhans) über die beste Strategie, wie den alten Hexen beizukommen ist und lässt sich von ihm die Zaubersprüche abfragen. Diese muss sie bis zur Walpurgisnacht auswendig lernen, um beim Finale auf dem Blocksberg die großen Hexen von ihrem Können zu überzeugen – oder auch noch etwas ganz anderes damit zu tun. (Martina Holbein)

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