Badisches Tagblatt, 4. Dezember 2019

Apfelschuss und Jubiläumsfieber

Maximilian Tüg, Geschäftsführer der Volksschauspiele Ötigheim (VSÖ), hat für den Theatersommer 2020 einen großen Traum: Am liebsten wär’s mir, wenn für unseren Tell im Festjahr die Bühne mit zahllosen Akteuren aus allen Nähten platzt.

Tügs Vision geht zurück auf den 3. Juli 1910, als Friedrich Schillers Wilhelm Tell erstmals mit riesiger Darstellerbeteiligung auf der Freilichtbühne zu sehen war. Die zweite Aufführung nach der Premiere erlebten berühmte Royals ihrer Zeit: Großherzog Friedrich II samt Gattin Hilda. (…)

Der Tell ist das meistgespielte Stück vor der atemberaubenden Kulisse des badischen Naturtheaters.Grund genug, im 110. Jahr nach der Ötigheimer Erstaufführung diese Story einmal mehr im Telldorf lebendig werden zu lassen. Im anstehenden Festsommer will man es neben der über die regionalen Grenzen hinaus bekannten schauspielerischen Qualität auch quantitativ krachen lassen. Volk spielt fürs Volk soll nach Möglichkeit wie schon im Jahr 1910 mit großen Massenszenen umgesetzt werden.

(…) Lust aufs Mitmachen? Einfach hingehen und Teil dieser großen Familie werden! Ich nahm diese offene Einladung beim Wort. Nun bin ich mittendrin, gehöre zum Altdorfer Volk beim berühmten Apfelschuss. Als mir Tüg eröffnete, man könne mich für diese Szene einsetzen, stockte mir der Atem. Erinnerungen wurden wach. Erstmals erlebte ich in den ausgehenden 1970er Jahren den Tell in Ötigheim. Schillers Werk stand im Deutschunterricht auf dem Plan. Seine Zeilen in meiner gelben Reclam-Ausgabe hatte ich regelrecht verschlungen. An einem durchwachsenen Sonntagnachmittag war ich als Teenager absolut überwältigt, als der ehrbare Schweizer in Gestalt des Ötigheimers Josef Kühn live als neuer Held neben Han Solo und Winnetou in mein jugendliches Leben trat.

(…) Seinen ersten Einsatz für das Stück hatte bereits der Bühnenfotograf Jochen Klenk. Es gibt ein tolles PR-Foto mit dem Tell-Darsteller und hauptberuflichen Mimen Stefan Roschy. Sein vielsagender Blick direkt ins Auge des Betrachters sowie die gespannte Armbrust mit eingelegtem Pfeil sagen uns: „Der wartet auf den Gessler.“ Ich denke beim Anblick des Fotos nur: Wenn der so spielt, wie er guckt, wird der Ötigheimer Tell im Sommer ein Bringer.

(Manuela Behrendt)

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