Badisches Tagblatt, 26. Mai 2015

Alpen müssen weichen

Besucher des Tellplatzes werden es bei Beginn der Saison im Juni vermutlich rasch bemerken: Die Alpen sind weg. Anstatt des europäischen Gebirgsmassivs, das in den vergangenen Jahren als Kulisse für Heidi oder Lumpazivagabundus diente, türmt sich neuerdings der Berg Sinai im linken Teil der Freilichtbühne auf. Bühnenmalerin Bettina Scholzen verpasst dem neuen Gebirgsensemble, das auch einen Tempel beinhaltet, gerade den letzten Schliff.

Anders als ursprünglich geplant, bleibt die Kathedrale, das zentrale Gebäude auf der Freilichtbühne, den Besuchern in diesem Sommer noch erhalten. Es war aber einiges kaputt. Das Ganze ist eben nicht für die Ewigkeit gebaut, erzählt Scholzen. Rechts von der Kathedrale, wo einst das Schwarzwaldhaus stand, ist ein römisches Wohnhaus entstanden und das Siegfriedstor – der Ein- beziehungsweise Ausgang zwischen Kathedrale und Römer-Haus, wurde zum Siegestor – gesäumt von zwei korinthischen Säulen. Im linken Teil der Bühnen, da, wo einst die Alpen waren, wurden einige Büsche gerodet, ein sandiger Vorplatz ist entstanden, außerdem führt ein steinig-sandiger Weg nach oben, zum Tempel – ebenfalls eine Neuerung.

So gibt es mehr Platz bei den Auftritten, sagt die 49-Jährige, die seit 2011 für die Volksschauspiele arbeitet. Man habe den Weg verbreitert, der vom hinteren Teil der Bühne nach vorne führt, außerdem ist es neuerdings möglich, auch unterhalb des Gebirges nach rechts auf die Bühne zu treten. Eine ganz andere Auftrittsmöglichkeit also für die Schauspieler und Statisten.

Die Architektur des Tempels auf dem Sinai unterscheidet sich deutlich vom römischen Wohnhaus auf der gegenüberliegenden Seite. Ich wollte den Gegensatz deutlich machen, sagt Scholzen. Dafür habe sie eigens ihre alten Urlaubsfotos herausgekramt: Um zu schauen, wie es dort genau ausschaut.

Der Tempel auf dem Berg soll als Sitz des Hohen Rates in der Passion dienen – die Szenen, die im Innern spielen, werden aber im vorderen Teil der Bühne gezeigt, der Berg ist doch ein ganzes Stück vom Publikum weg.

Hier wirkt ja alles eher von weitem, meint Bettina Scholzen. Das unterscheide die Arbeit auf der Ötigheimer Freilichtbühne von der an einem normalen Theater. Man muss im Prinzip immer ein Stück weggehen, um zu sehen, wie das Ganze wirkt. Was den steinigen Aufgang zum Tempel betrifft, so ist die Illusion bereits jetzt geglückt – auch, wenn Scholzen laut eigenen Aussagen noch einiges zu tun hat. Aber sie freue sich darauf: Es ist schön, im Freien zu arbeiten, auch wenn es seine Tücken hat. So müsse sie beispielsweise beachten, dass das Licht am Abend, wenn die Aufführungen stattfinden, ja ein ganz anderes sei als am Morgen, wenn sie in der Regel ihrer Arbeit auf dem Tellplatz nachgeht. Ich liebe es einfach, mit Licht zu spielen. Das kann man hier auskosten.

Und noch in anderer Hinsicht sei die Arbeit für die Volksschauspiele etwas ganz Besonderes: Hier hat man nicht die üblichen Hierarchien wie an anderen Theatern. Die kennt sie nämlich auch zu gut, nach ihrer Ausbildung zur Theatermalerin und Bühnenplastikerin war sie 15 Jahre lang beim Nordharzer Städtebundtheater beschäftigt.

In Ötigheim sei sie im Prinzip ihr eigener Herr, mache ihre eigenen Vorschläge und Entwürfe, wie ein Bühnenbild aussehen könnte. In der Regel stelle sie diese bei einer Besprechung im Oktober vor. Ende Februar oder Anfang März gehe es dann mit der konkreten Arbeit auf der Freilichtbühne los.

Dieses Jahr habe ich sogar schon etwas früher angefangen – im Januar. Es gibt viel zu tun, meint Scholzen und klettert wieder auf ihre Leiter – das Ergebnis ihrer Arbeit können die Tellplatzbesucher spätestens am 14. Juni vom Zuschauerraum aus begutachten. Dann feiert Die Passion Premiere. (Yvonne Hauptmann)

zurück zum Pressespiegel