Badische Neueste Nachrichten, 7. Juni 2017

Mehr als eine Adaption der Renaissance-Musik

Er darf natürlich in der Bühnenmusik einer Luther-Inszenierung nicht fehlen, der Choral Eine feste Burg. Der Text stammt sicher vom Reformator Martin Luther, ob er auch die Melodie geschrieben hat, darüber stritten sich die Wissenschaftler vor allem im 19. Jahrhundert. Für seine Komposition zur Inszenierung des Schauspiels Luther bei den Volksschauspielen Ötigheim hat Hans Peter Reutter von der Robert-Schumann-Hochschule für Musik in Düsseldorf auch diesen Choral verwendet, der wie kein anderer für die Kraft steht, der dem reformatorischen Gedanken innewohnt. Zitate von Heinrich Heine und Friedrich Engels – der eine bezeichnete ihn als Marseiller Hymne der Reformation, der andere als Marseillaise der Bauernkriege – belegen seine Wirkung auch in der Geschichte.
Deshalb war es für den Komponisten selbstverständlich, dass genau dieser Choral einen wichtigen Platz innerhalb der Bühnenmusik einnehmen muss. Und so wird er auch in Szene acht vom großen Chor angestimmt, wenn Martin Luther seine 95 Thesen am Tor der Schlosskirche zu Wittenberg anschlägt.
Reutter hat aber nicht einfach nur den Originalchoral genommen, sondern pro Strophe das Arrangement verändert. Die Musik intensiviert das Geschehen auf der Bühne, sie deutet und schaut auch gelegentlich durch ihre Harmonien ahnend voraus, sagt der Komponist, der am Pfingstmontag eigens wegen der Durchlaufprobe des ersten Teils von Luther aus Düsseldorf nach Ötigheim gereist war. Nicht illustrierend sollte die Bühnenmusik sein, so lautete der Auftrag vom musikalischen Leiter der VSÖ, Ulrich Wagner, und Regisseurin Rebekka Stanzel. Sie hat bereits einige Musiktheater-Inszenierungen gemacht, was sowohl Ulrich Wagner wie auch der Komponist als glücklich für die Ötigheimer Arbeit erlebt haben. Rebekka Stanzel hatte ganz klare Vorstellungen, wann Musik eingesetzt wird und wie. Das hat meine Arbeit sehr erleichtert, so Reutter.
Ursprünglich waren nur einige wenige musikalische Auftritte vorgesehen, doch das hat sich nach der Arbeit der Regisseurin mit der Textvorlage verändert, die punktuellen Einsätze wurden zu einer veritablen Bühnenmusik, es gibt sogar eine Ouvertüre. Dennoch gilt: Das Schauspiel hat Vorrang.
Reutter hat sich für die Komposition mit der Musik der frühen Renaissancezeit auseinandergesetzt, hat Melodien gesucht und diese kompositorisch verarbeitet. Das ist natürlich nicht eins zu eins geblieben, sagt er, das wäre zu simpel gewesen. Die Musik, so wie sie in der Luther-Inszenierung eingesetzt wird, deutet, sie verdichtet Emotionen und baut Kontraste auf zwischen dem, was auf der Bühne geschieht, und dem, was die Menschen fühlen. Sie fesselt im besten Fall mit ihrer Dramatik das Publikum, zieht es emotional in das Geschehen auf der Bühne hinein. Deshalb bleiben Reutters Kompositionen auch nicht bei einer einfachen Adaption der Renaissancemusik stehen, vor allem nicht harmonisch. Diese weitet sich, orientiert sich an der evangelischen Kirchenmusik des 20. Jahrhunderts mit ihren Brüchen und Disharmonien.
Komplex sind die Einsätze für den Chor bei verschiedenen Nummern: Das ist der Polyphonie des Zeitalters geschuldet, die damals noch die Musik prägte. Reutter nennt als Beispiel die Hochzeitsszene zwischen Katharina und Martin Luther: Da ist das Hochzeitslied, das sich dadurch steigert, dass die Motive sich gegeneinander wenden, bis das ganze nahtlos in eine Bauernkriegsszene kippt. Eine weitere Herausforderung für ihn war, eine Besetzung zu finden, die die große Bühne der VSÖ ausfüllen kann und bezahlbar ist. Denn die Bühnenmusik wird in diesem Jahr bei jeder Aufführung live gespielt. So sitzen im Orchestergraben zwei Flöten (mit Piccolo), zwei Trompeten, zwei Posaunen und zwei Schlagzeuge mit großem Instrumentarium. Die Musiker kommen aus der gesamten Region, die meisten sind regelmäßig auch bei den Festlichen Konzerten dabei. Klar war, dass es Blechbläser sein müssen. Spannend war für mich die Frage, wie kann ich nur mit Bläsern satte Orchesterklangfarben erzeugen. Auf Blechbläsermusik war ich bislang nicht spezialisiert, so Reutter. Er hat die Herausforderung angenommen und hat eine Musik geschrieben, die die Atmosphäre verdichtet und den Spagat zwischen Renaissance und Moderne schafft, also nicht historisierend daherkommt.
Für den Chor und das Orchester hat unter der Leitung von Ulrich Wagner am Pfingstmontag die entscheidende Phase der Probearbeit begonnen. Jetzt gilt es, die Musik mit dem Bühnengeschehen und dem Orchester zu harmonisieren. Dass Hans Peter Reutter, der im Übrigen bereits für Les Misérables im vergangenen Jahr die Bühnenmusik komponiert hatte, gute Arbeit geleistet hat, das war während dieser ersten Gesamtprobe schon klar zu hören. Und falls die Bläser doch noch Verbesserungsvorschläge wegen der Spielbarkeit gehabt hätten, hatte er zur Probe extra seinen Laptop dabei, um diese vor Ort einarbeiten zu können. (Martina Holbein)

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