Badische Neueste Nachrichten, 14. April 2018

Ab geht die Postkutsche

Abends auf dem Tellplatz. Eine weitere Probe für Carl Zellers Erfolgsoperette Der Vogelhändler, die auf der Freilichtbühne in Ötigheim ab Juni zu sehen ist, hat gerade begonnen. Auf der Naturbühne wird fleißig gesungen, mittendrin: die Christel von der Post. Im Bereich vor dem Tellplatz-Casino macht sich derweil ein außergewöhnlicher Zweispänner zur Abfahrt bereit. An den Flanken des auffälligen Gefährts ist in altdeutschen Lettern der Schriftzug Großherzogl. Bad. Post zu lesen. Die Pferde Gina (elf) und ihr Sohn Diego (vier), zwei Braune, die in Neumalsch zu Hause sind, wiehern und scharren ungeduldig mit den Hufen. Gleich wird sich die gelblackierte Kutsche mit den schwarzen Umrandungen, dem gemalten Wappen vorn und dem aufgepinselten Posthorn an der Seite in Bewegung setzen, um ihren ersten offiziellen Auftritt zu bestreiten. Inoffiziell trat sie bereits bei der Volksprobe am Ostermontag in Erscheinung. Bei der Operettenaufführung im Sommer wird sie mit der Post-Christel an Bord im letzten Drittel vor der Pause einmal an den Zuschauern vorbeifahren.

Hoch auf dem gelben Wagen sitzt Gustav Schäfer, der sich noch gut daran erinnern kann, wie er vor vielen Jahren den früheren, 2016 verstorbenen Bundespräsidenten Walter Scheel bei dessen Besuch in Baden-Baden durch die Stadt kutschiert hat. Damals allerdings nicht in einer Postkutsche, wie sie Scheel, damals noch Bundesaußenminister, Anfang der 70er Jahre in dem bekannten deutschen Volkslied besang, sondern in einem herkömmlichen Gefährt.

Die originalgetreue, etwa 120 Jahre alte Postkutsche, hat Schäfer übrigens bei einem Privatbesitzer aufgetrieben, der aber nicht namentlich genannt sein will, wie er kurz vor der Abfahrt verrät. Ohne Gepäck ist sie 2,30 Meter hoch, etwa drei Meter lang und bietet Raum für vier Personen, erzählt der 76-jährige Bietigheimer und klettert auf den Kutschbock. Seine Beifahrerin“ bei der heutigen Probe ist Sabine Rothweiler. Bei den Aufführungen selbst wird sich ihre Tochter Laura als Postillion den Kutschbock mit Schäfer teilen. Nach einem tiefen Luftzug bläst Rothweiler ins glänzende Horn, gibt damit das Zeichen zum Aufbruch – und ab geht die Post in Richtung Bühne, wo die Post-Christel, das Volk und Regisseur Manfred Straube schon ungeduldig auf das Gespann warten.

 Seit bald 40 Jahren ist Gustav Schäfer auf dem Tellplatz im Einsatz – nicht nur als Kutscher, sondern auch als Lieferant von vierbeinigen Mitspielern, namentlich Ziegen, Schafen und Eseln. Die erste Produktion, an der er als Wagenlenker mitwirken durfte, war 1980 die von Horst Hermann inszenierte Bühnenfassung des Lewis Wallace-Romans Ben Hur nach der Vorlage von Bernward und Franz Kölmel mit dem legendären, realistisch nachgestellten Wagenrennen zwischen Ben Hur und seinem einmal zwei Runden zu früh gestürzten Rivalen Messala.

Lebhaft in Erinnerung geblieben ist Schäfer unter anderem auch sein mehrfacher Einsatz als Sarg-Wagen-Lenker bei den Aufführungen des Brandner Kaspar. Dabei ließ er – bäuchlings in dem von einem Vierbeiner gezogenen Sarg liegend – den Boanlkramer, ein dem Kirschgeist zugetanen Gevatter Tod, über die Bühne sausen. Meist blieb der Boanl auf dem Sarg, aber einmal ist er während der Fahrt einfach runtergefallen. Das war übrigens 1982 der große Münchner Volksschauspieler Toni Berger in seiner wohl bekanntesten Rolle. (Ralf Joachim Kraft)

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