Die Passion

Seit der Uraufführung der Passion 1948 aus der Feder des Volksschauspiel-Gründers Josef Saier ist es in Ötigheim Tradition, dass die Geschichte vom Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus in regelmäßigen Abständen auf dem Spielplan steht. Zuletzt im Jahr 2000 aufgeführt, war das Schauspiel 2015 mit Hunderten von Mitwirkenden, großen Chören, Tanz und opulenter Ausstattung 2015 erneut auf Deutschlands größter Freilichtbühne zu sehen.

Die Passion reicht über die rein historische Wiedergabe der geschichtlichen Gegebenheiten hinaus und versucht Jesus als zentrale Gestalt der Weltgeschichte sichtbar und verstehbar zu machen. Dabei geht ein Spannungsbogen von liturgischen Elementen bis zur schillernden Figur des Luzifer, der als Personifizierung des Bösen der Gegenspieler von Jesus ist.

Regie führte mit Stefan Haufe ein Mann, der dem Ötigheimer Publikum seit seiner Schwarzwaldmädel-Inszenierung bestens bekannt war. Den Stoff der Passion hält er auch 21. Jahrhundert noch für brandaktuell: Die Konflikte, die in der ‚Passion‘ verhandelt werden, spiegeln die Grundlagen unserer Menschlichkeit wieder! Die Botschaft Jesu ist der Lehm, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Und das müssen wir uns immer aufs Neue vor Auge führen!

Rollenbesetzung

Inszenierung Stefan Haufe
Musikalische Leitung Ulrich Wagner
Musik Karl Schauber
Kostüme Peter Sommerer
Choreografie Andrei Golescu, Julia Krug
Bühne Bettina Scholzen
Spielleitung  Fritz Müller, Rudi Wild
Regieassistenz und Soufflage Jennifer Hofmann, Carolin Wegner
Reiterinspektion Simone Fettig, Jutta Kühn

PERSONEN

Jesus Christus Eric van der Zwaag
Maria, Mutter Jesu Elisabeth Hug, Bernadette Kölmel
Luzifer Ulrike Karius, Martin Kühn

Die Apostel

Petrus Markus Wild-Schauber
Johannes Felix Behringer
Jakobus der Kleine Julian Baumstark
Andreas Stefan Brkic
Philippus Lukas Tüg
Thomas Christoph Dettling, Stefan Pikora
Judas Iskariot Alexander Grünbacher
Simon Sven Engel
Thaddäus Stefan Hunkler, David Weingärtner
Jakobus der Ältere Thomas Weber
Matthäus Michael Kunzweiler
Bartholomäus Patrick Speck

Freunde Jesu

Simon von Cyrene Jürgen Nagel
Esron Paul Maier
Maria Magdalena Stefanie Kuhn, Sarah Weingärtner
Veronika Lissi Hatz, Sabine Speck
Maria von Bethanien Corina Kühn, Sonja Waldner
Marta von Bethanien Tina Kalkbrenner, Petra von Rotberg

Der Hohe Rat

Kaiphas, Hohepriester Paul Hug
Annas, Hohepriester Werner Sachsenmaier
Nathan Roman Gallion
Lamech Rudi Wild
Rabi Felix Hempel
Amos Walter Dühlmann
Ezechiel Herbert Kölmel, Reinhard Kölmel
Nathanael Ulrich Kalkbrenner
Gamaliel Robert Walz
Saboth Lorenz Werny
Joseph von Arimathäa Herbert Seidenspinner
Nikodemus Jörg Peyn
Malchus, Hauptmann der Tempelwache Mario Scholz

Die Rächer

Scheba Kurt Tüg
Ennoch Tobias Kleinhans
Baruch Bernd Kessler
Rabinth Marius Bader-Kühn

Händler und Zeugen

Abiron Gerold Baumstark
Kore
Walter Kühn
Eliab Heinz Lorenz
Eskol Siegfried Peter

Die Römer

Pontius Pilatus Fritz Müller
Longinus, Hauptmann Johannes Tüg
Barrabas Sadek Achache

Gestalten aus dem Volk

Der reiche Jüngling Johannes Kühn
Der Gichtbrüchige Lorenz Werny
1. Geheilter
Sadek Achache

Die Propheten

1. Prophet Paul Hug
2. Prophet Hans-Peter Mauterer
3. Prophet Fritz Müller

Der singende Engel Lisa Hähnel, Christina Gailfuß

Die sprechenden Engel Eva Beckert, Yannick Enderle, Tobias Klinger, Mafalda Kühn, Sabrina Mi­hajlov, Mara Patzelt, Helen Peters, Finn Schindele, Lucy Schindele, Kira Stumpf, Florian Woll

Reiterei der Volksschauspiele Ötigheim · Tanzgruppen der Volksschauspiele Ötigheim · Großer Chor der Volksschauspiele Ötigheim · Junger Chor der Volksschauspiele Ötigheim · Frauen, Männer und Kinder der Spielergemeinschaft der Volksschauspiele Ötigheim

Männergesangverein 1863 Ötigheim e.V.
Einstudierung
Stefan Kistner

Frauenchor BelleAmie
Einstudierung
Julia Gaube

Streitwagenfahrer Gustav Schäfer

Pressestimmen

Reutlinger General-Anzeiger, 10. August 2015
Golgotha in Ötigheim

Bühnensommer 2015: Die einen gehen nach Bayreuth, Bregenz oder Salzburg, andere zieht es nach Ötigheim und Giebelstadt. Naturtheater unter freiem Himmel: Volk spielt fürs Volk – damit hat sich bereits vor 50 Jahren Brigitte Schöbel in ihrer von Hermann Bausinger betreuten Dissertation auseinandergesetzt – auch anhand regionaler Beispiele wie Reutlingen (seit 1928) oder Hayingen (seit 1949). Wir wagen einen Ausflug ins Land der Naturbühnen heute, um nachzuprüfen, ob die Behauptung eines Schaubühnen-Autors vor 100 Jahren stimmt: Naturtheater seien ja nur missverstandenes, halbes und grobes Theater.
Erste Station: Giebelstadt in Main-Franken, direkt vor der Schlossruine des Bauernkriegs-Rebellen Florian Geyer. Ein drastisches Historienspektakel ist angesagt, 150 Mitwirkende, Pferdegespanne ziehen die Kanone, Feuerschlucker und viel Pyrotechnik: Oster-Sturm auf die Festung Weinsberg. Kritiker mögen es Aktionsstaffage nennen, die Zuschauer sind fasziniert.
Aus Gerhart Hauptmanns Tragödie Florian Geyer fließt ein markanter Schwur in das Stück: Nicht nur dem Truchsess von Waldburg, auch der deutschen Zwietracht mitten ins Herz soll der Stoß gelten. Florian Geyer scheitert, der schönste Held des ganzen Kampfes, wie ihn Bauernkriegs-Chronist Wilhelm Zimmermann charakterisiert. Die Zwölf Artikel für Gottes Gerechtigkeit wurden vor 490 Jahren zerfetzt, 100 000 am Aufstand Beteiligte getötet. Am Schluss, wenn der Schnitter Tod durch die Reihen der geschlagenen Bauern fegt, erscheint überm brennenden Turm ein hell erleuchtetes Kreuz. Als das Lied Die Enkel fechten’s besser aus ertönt, denkt man einen Moment lang auch an das Schicksal des gevierteilten Bauernkanzlers und Schöpfers des Herrenberger Altars Jerg Ratgeb und dessen Vermächtnis: Jesus Christus gestern und heute und derselbe anno 1525.
Zweite Station: Volksschauspiele Ötigheim in Nordbaden, bestehend seit 1906. Vor der Kulisse der nachgebauten berühmtesten Pariser Kathedrale wird nicht Der Glöckner von Notre Dame gespielt, sondern wie schon seit 1948/1950 alle zehn, fünfzehn Jahre Die Passion des früheren Ortspfarrers Josef Saier (1874–1955). Eine überwältigende Kulisse in Deutschlands größter Freilichtbühne. Die Ötigheimer Passionsspiele gelten in Amateurtheaterkreisen weit eher als Orientierungspunkt eines neueren Freilichttheaters als Oberammergau. Ötigheim hatte den Anstoß für die südwestdeutsche Bewegung der Naturbühnen gegeben. Volk spielt fürs Volk habe durchaus – trotz Missbrauch im Dritten Reich mit damals unüberhörbar völkischen Tönen – seine Berechtigung, so Schöbel. Ötigheim wagte bereits 1945 einen Neuanfang; Giebelstadt (Ursprünge 1925) erst wieder 1980.
Die Neuinterpretation über 65 Jahre nach der Uraufführung zeigt: Die christliche Botschaft ist weiter aktuell, wenn es um die Solidarität in der Gemeinschaft geht. Für Josef Saier war die Freilichtbühne eine erweiterte Kanzel: kein Theater, sondern Gottesdienst.
Jesus-Christus-Darsteller ist das frühere Mitglied der Reutlinger Tonne, Eric van der Zwaag. Für ihn mit all seiner Berufsschauspieler-Erfahrung, aus einem protestantischen Pfarrhaus stammend, ist dieses Passionsspiel eines katholischen Priesters nach eigenen Worten eine ungeheure Herausforderung. Einer der Gegenspieler, Lucifer, stiefelt auf hohen Absätzen wie eine Art verführerischer Conférencier über die Bühne, Jesus als Abgott des Pöbels verhöhnend; die Hohepriester verleumden den Gottgesandten als Feind des Volkes.
Beim Ränkespiel um Macht, Ruhm und Reichtum mittels Intrigen, Indoktrination, hemmungslosem Hass, bleiben die vom Messias in Menschengestalt gepriesenen Tugenden auf der Strecke: Opferliebe, Demut, Dienen. Das Volk ist eine Wetterfahne nutzt Kaiphas die Wankelmütigkeit der Leute aus. Erst Hosianna-Rufe, dann folgen beklemmende Szenen, als Schreie ertönen: Ans Kreuz mit ihm! Nach Golgatha!
Van der Zwaag meistert seine Rolle mit gekonnter Sprechtechnik – bei der Verkündung der christlichen Sendung ebenso wie im Schmerz: zeitgemäß, packend, aufreizend – etwa, wenn er den Tempel reinigt, die Händlerkörbe umwirft und die Tauben gen Himmel fliegen. Der Leidensweg des Zimmermannssohns wird szenisch dicht nachgespielt im schwülheißen August unter freiem Himmel: ein großes Erlebnis.
Nach dreieinhalb Stunden – die Abendsonne brennt während der erschütternden Kreuzigungs-Szene bereits in die Gesichter der Zuschauer in den vorderen Reihen – erheben sich nach Grablegung, Auferstehung, Segensspruch und Chorgesang rund 4 000 Zuschauer: Standing Ovations für das 400-köpfige Passions-Ensemble, auch für den Christus-Darsteller, der sich der imponierenden Schar der Laien-Darsteller, darunter Reiter, Sänger, Tänzerinnen zuwendet und sich bei ihnen bedankt.
Fazit: Bemerkenswert, dass dieses alte Passions-Stück in unser heutiges Denken hineinpasst. Naturtheater, die beiden Beispiele belegen es, sind auch nach hundert Jahren durch das enorme Engagement der vielen Laienschauspieler lebendig geblieben und setzen durchaus beachtenswerte Impulse. (Günter Randecker)

Badisches Tagblatt, 16. Juni 2015
Beeindruckende szenische Dichte

15 Jahre ist es her, dass Die Passion des legendären Gründers der Ötigheimer Volksschauspiele, Josef Saier, zuletzt am Ort ihrer Entstehung zu sehen war. 1948 war das Stück des Pfarrers, der die größte deutsche Freilichtbühne 1906 ins Leben rief, erstmals hier zu sehen gewesen. Damals spielte der große Schauspieler Kurt Müller-Graf, der lange am Badischen Staatstheater engagiert war und später die Ettlinger Schlossfestspiele gründete, den Jesus. Der Pfarrer, der vor 60 Jahren starb, nutzt in seiner theatralischen Fassung der Leidensgeschichte Jesus, die zugleich christliche Heilsgeschichte ist, alle Möglichkeiten der Bühne. Dramaturgisch besonders gelungen ist es, mit Luzifer, dem personifizierten Bösen, Jesus einen Versucher als Gegenspieler in der Passion gegenüberzustellen, der die Handlung vorantreibt, nach christlicher Lesart aber Teil des göttlichen Heilsplanes bleibt. Zugleich war es aber die Intention des katholischen Priesters, den Sühnetod Christi mit der katholischen Liturgie und dem Messopfer verbinden zu wollen. Die Verkündigung bleibt so Teil des emotional packenden Spiels.
Für die Inszenierung Der Passion greift Regisseur Stefan Haufe, der schon 2013 erfolgreich in Ötigheim – bei Leon Jessels Schwarzwaldmädel – Regie führte, ins pralle Theaterleben und nutzt das gesamte Potenzial, das Deutschlands größte Freilichtbühne zu bieten hat.
Der Erfolg der Volksschauspiele Ötigheim beruhte schon immer auf der Beteiligung der Bevölkerung, der vielen Laien-Darsteller, die sich auch in diesem Jahr bei der Passion mit viel Engagement einbringen. Augenfutter wird wieder viel geboten, die Regie nutzt die groß dimensionierte, von Bettina Scholzen eingerichtete Bühne zu geschickt choreografierten Massenauftritten wie beim umjubelten Einzug des Messias nach Jerusalem. Und bei der Vertreibung der Händler aus dem Tempel darf auch die Menagerie der Tiere, dramaturgisch durchaus sinnvoll eingesetzt, nicht fehlen. Dass Haufe mittels daddelnder Kinder die Überzeitlichkeit des Geschehens an die Gegenwart und nach christlicher Auffassung auch der Zukunft heranholt, wirkt im sonstigen historischen Kontext des Stückes, der an den sonstigen Kostümen von Peter Sommerer festzumachen ist, etwas aufgesetzt.
Die Regie setzt ganz auf die darstellerische Kraft und den Enthusiasmus der Darsteller, scheut den großen Effekt bis hin zum religiösen Kitsch nicht. Die berühmten Reiterauftritte, in Ötigheim ein nicht wegzudenkender Teil des Aufführungen, die den römischen Usurpatoren um Pontius Pilatus im Heiligen Land zugeteilt sind, hätten sich aber durchaus noch effektvoller in Szene setzen lassen. Die Auftritte der jungen Tänzerinnen der Tanzgruppe der Volksschauspiele (Choreografie Andrei Golsecu und Julia Krug) wird in dieser Inszenierung ebenfalls der dekadent gezeichneten Welt der Römer zugeteilt.
Eric van der Zwaag ist ein in seiner Sendung ebenso wie in seinem Schmerz packender Darsteller des Jesus. Die emotionale Kraft, mit der er dessen Passionsweg gestaltet, von den frühen Wundern über die Gewissheit, mit der er seine Jünger anleitet, bis zu den Selbstzweifeln im Angesicht des Todes werden von ihm eindringlich gestaltet. Er scheint keine Distanz zu der Rolle zu kennen, zeigt Jesus als Mitfühlenden, als Lehrer seiner Jünger, aber auch als zornigen Propheten, der die Händler ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen Friedensbotschaft mit körperlichem Nachdruck aus dem Tempel vertreibt. Van der Zwaag zeigt Jesus auch in den berührenden Szenen mit seiner Mutter Maria (einfühlsam Bernadette Kölmel) oder in den Momenten des Zweifels sehr differenziert. Hier findet die Regie immer wieder zu Momenten von beeindruckender szenischer Dichte.
Androgyn gezeichnet wird Luzifer, bei der Premiere von Ulrike Karius im schwarzen Anzug mit roten Farbtupfern als mafiöse Gestalt gespielt. Die Faszination des Bösen wird von ihr äußerst intensiv, aber ohne Überzeichnung verkörpert. Die verführerische Kraft dieser Figur, die Judas ebenso zum Verrat anstachelt wie sie den Hohepriester Kaiphas darin bestärkt, den Kontrahenten um die Macht und religiöse Deutungshoheit töten zu lassen, ist stets spürbar.
Alexander Grünbachers Judas, der vom begeisterten Anhänger Jesus zum Verräter wird, ist in Ötigheim geprägt von nicht erfüllten Erwartungen. Gemeinsam mit der Gruppe der Rächer, die einen Aufstand gegen die römische Besatzungsmacht planen, hat er die Rolle Jesus‘ als eine primär politische, nicht als die des Erlösers gesehen, und begeht den tödlichen Verrat letztlich aus Enttäuschung.
Paul Hug gestaltet Kaiphas, den Anführer des Hohen Rates, als einen intriganten Politiker, der selbstgerecht die eigene Machtposition gegenüber dem Emporkömmling Jesus verteidigen und ihn deshalb töten lassen will. Ausdrucksstark auch Fritz Müllers arroganter Pontius Pilatus, der sich nur widerwillig für die Machtspiele der jüdischen Priester einspannen lassen will. Seine Schuld liegt darin, dass er dem aufgeputschten Volk einen Unschuldigen aus Gründen der politischen Opportunität opfert. Neben den oft beachtlichen darstellerischen Leistungen in den größeren Rollen ist es immer wieder das engagierte Kollektiv der Frauen, Männer und Kinder der Spielergemeinschaft der Volksschauspiele, die zum geschlossenen Eindruck der Premiere Entscheidendes beiträgt.
Neben dem ansprechend singenden Engel von Lisa Hähnel, deren Sopran nur gelegentlich in der Höhe etwas eng wird, können auch die Chöre der Volksschauspiele sowie der Männergesangverein 1863 und der Frauenchor BelleAmie Ötigheim mit ihrem stimmlichen Einsatz überzeugen. Die musikalische Gesamtleitung der Komposition von Karl Schauber, die Versatzstücke aus dem 19. Jahrhundert mit Anklängen an Hollywoods Bibelfilme zu verbinden scheint, liegt bei Ulrich Wagner. Der Chordirektor des Badischen Staatstheaters Karlsruhe bemüht sich mit Nachdruck, der oft austauschbar wirkenden Musik so etwas wie eine eigene musikalische Handschrift angedeihen zu lassen. (Thomas Weiss)

Badische Neueste Nachrichten, 15. Juni 2015
Große Bilder, klare Botschaft

Am Anfang war das Wort – das sind die ersten Worte, die in der Ötigheimer Passion gesprochen werden. Aber nicht in pompösem Verkündigerton, sondern aus Kindermund, mit dem Staunen über etwas neu Entdecktes, Unerhörtes. Die Neuinszenierung von Stefan Haufe auf der Freilichtbühne der Volksschauspiele beginnt mit vier Kindern, die sich um ein Smartphone drängen, bis einer aus der Gruppe ein herumliegendes Buch entdeckt und daraus das Johannes-Evangelium vorzulesen beginnt. So gelingt ein Brückenschlag in die Gegenwart, bevor das 1948 uraufgeführte und bis 2000 im Zehn-Jahres-Rhythmus neu aufgelegte Passionsspiel im Sinne des Autors und Pfarrers Josef Saier als theatraler Gottesdienst zelebriert wird: Zu majestätischer Musik fluten blauschattiert gewandete Chormassen (Kostüme: Peter Sommerer) die Bühne, weiß-goldene Scharen formieren sich um den singenden Engel (alternierend besetzt mit Lisa Hähnel und Christina Gailfuß), drei Propheten schreiten würdevoll einher, und im zentralen Portal des Bühnenbildes (Bettina Scholzen) erscheint die Hauptfigur wie eine Monstranz – all das steht in seiner Feierlichkeit dem Beginn eines Hochamtes nahe.
Freilich wäre dieses eindrucksvolle Bild nur leerer Pomp, wenn die Aufführung ohne Seele bliebe. Doch getreu dem Vermächtnis des vor 60 Jahren gestorbenen Volksschauspiel-Gründers Saier findet die Aufführung große Theaterbilder für christliche Kernbotschaften wie Mitleid statt Machthunger, Versöhnung statt Vergeltung, Demut statt Demagogie. Hauptdarsteller Eric van der Zwaag (wie gewohnt ist die Jesus-Rolle mit einem Profi besetzt) vermittelt als charismatischer Messias mit stattlicher Erscheinung und beschwörender Stimme, dass er nicht Recht haben, sondern retten will. Hintertrieben wird sein Wirken durch den wie ein Showmaster im Mafioso-Outfit agierenden Luzifer (alternierend besetzt mit Ulrike Karius und Martin Kühn), doch als eigentlicher Gegenpart tritt Jesus zunächst die Wankelmütigkeit der Volksmenge entgegen: Speisung und Heilung werden mit Jubel vergolten, radikale Aufforderungen wie jene zur Feindesliebe mit Unverständnis und Spott.
Wenn es im zweiten Teil der dreieinhalbstündigen Aufführung (inklusive 30 Minuten Pause) um die eigentliche Passion geht, rücken die Gegenspieler als Individuen in den Mittelpunkt: Stark in Stimme und Bühnenpräsenz zeigt Paul Hug als Hohepriester Kaiphas, wie sich Eigennutz mit höheren Motiven zu bemänteln weiß. Befeuert wird er durch den intriganten Nathan (Roman Gallion) und den dogmatischen Annas (Werner Sachsenmaier). Für die Stimme der Vernunft steht, im Guten wie im Schlechten, der unter politischem Druck nachgebende Pontius Pilatus (Fritz Müller). Unter den Aposteln haben neben dem Verräter Judas, den Alexander Grünbacher als jungen, leicht korrumpierbaren Revolutions-Idealisten gibt, der glaubensstarke und menschlich schwache Petrus (Markus Wild-Schauber) und der bedingungslos folgende Johannes (Felix Behringer) prägnante Momente. Zahlreiche weitere Kleindarsteller, die Reiterei und die Tanzgruppen der Volksschauspiele sowie mehrere Chöre runden die Aufführung ab. (Andreas Jüttner)

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