Im weißen Rössl

Nach 1978, 1979 und 1993 steht 2009 erneut die Operette Im weißen Rössl (Regie: Manfred Straube) auf dem Spielplan der Volksschauspiele. Als Josepha Vogelhuber brillieren Silvia Klauder und Christiane-Maria Vetter, als Zahlkellner Leopold begeistern Reinhard Danner und Roman Gallion – beide Mitglieder des Ötigheimer Ensembles. In weiteren Rollen sind u.a. Maximilian Tüg, Bastian Nold (Sigismund Sülzheimer), Horst Herrmann, Josef Kühn (Kaiser Franz Josef II), Hannes Beckert, Siegfried Kühn (Fabrikant Wilhelm Giesecke) und Christina Gailfuß (Ottilie) zu sehen. Insgesamt wirken über 500 Personen – darunter auch das Orchester der Volksschauspiele beim Trachtenzug unterstützt vom Musikverein Ötigheim – an Ralph Benatzkys Operettenklassiker mit.

Handlung  

Hochsaison im Hotel Zum weißen Rössl: Zahlkellner Leopold hat sich in Wirtin Josepha Vogelhuber verliebt. Diese wiederum hat ein Auge auf den charmanten Dr. Siedler geworfen. Doch der flirtet ungeniert mit der hübschen Fabrikantentochter Ottilie. Es geht drunter und drüber – und dann kündigt auch noch seine Majestät Kaiser Franz Joseph seinen Besuch an. Zum guten Ende lösen sich dann schließlich doch noch alle Liebeswirrungen in ein romantisches Happy End auf, denn: Im weißen Rössl am Wolfgangsee, da steht das Glück vor der Tür.

Rollenbesetzung

Inszenierung Manfred Straube
Musikalische Leitung Matthias Hammerschmitt
Choreografie Andrei Golescu, Julia Krug
Kostüme Helmi Henßler
Bühnenbild Fridolin Müller
Korrepetition & Musikalische Assistenz Johann German
Regieassistenz & Inspektion Sabine Speck
Einstudierung Kinderchor Maria Bagger
Textvorbereitung Ronald Spiess
Souffleuse Corina Kühn
Spielleitung Markus Wild-Schauber, Rudi Wild

PERSONEN

Josepha Vogelhuber, Wirtin Silvia Klauder, Christiane-Maria Vetter
Leopold Brandmeyer, Zahlkellner Reinhard Danner, Roman Gallion
Wilhelm Gießecke, Fabrikant Hannes Beckert, Siegfried Kühn
Ottilie, seine Tochter Christina Gailfuß, Annette Postel
Dr. Otto Siedler, Rechtsanwalt Wolfram B. Meyer, Martin Sommerlatte
Sigismund Sülzheimer Bastian Nold, Maximilian Tüg
Prof. Dr. Hinzelmann Gottfried Nold, Werner Nold
Klärchen, seine Tochter Tina Fortenbacher, Anna Hug
Hochzeiter Christoph Dettling, Christof Höfele
Braut Sabine Speck, Elizabeth Jacob
Kaiser Franz Josef II. Horst Herrmann, Josef Kühn
Sein Leibkammerdiener Ketterl Werner Bouché
Der Bürgermeister Paul Meier, Rudi Wild
Der Oberförster Claus Becker, Walter Kühn
Der Lehrer Alexander Grünbacher, Lukas Späth
Fräulein Weghalter Lissi Hatz, Bernadette Kölmel
Der Piccolo Florian Hug, David Kühn
Franz, ein Kellner Erhard Göhringer, Winfried Heck
Der Reiseführer Werner Sparka, Peter Weingärtner
Kathi, eine Briefträgerin Claudia Held, Saskia Stößer
Zenzi, eine Ziegenhirtin Tina Kalkbrenner, Petra von Rotberg
Hotelier „Zur Post“ Johannes Tüg, David Weingärtner
Hotelier „Zum Wilden Mann“ Stefan Brkic, Lukas Tüg
Hotelier „Zur Alpenrose“ Gerold Baumstark, Kurt Tüg
Hausdiener Martin Sadek Achache, Gerold Baumstark
Hausdiener Johann Winfried Heck, Kurt Tüg
Großknecht Matthes Sadek Achache, Siegfried Peter
Bäckermeister Stampf Heinz Lorenz, Robert Walz
Stubenmädchen Natalie Hegele, Nadine Jahns, Nina Leber, Lucia Springmann, Petra von Rotberg, Christine Wild
Kellnerinnen Anja Bäuerle, Beate Behringer, Sarah Otterbach, Mareike Schmidtobreick, Sabrina Schmitt, Sabine Stößer, (Petra von Rotberg)
Bergführer Erhard Göhringer, Walter Kühn, Heinz Lorenz, Bernd Vogel, Martin Vogel
Portiers Gerold Baumstark, Werner Bouché, Heinz-Peter Löffler, Peter Siegfried, Johannes Tüg, Kurt Tüg
Stallknechte Erhard Göhringer, Franz Hambacher, Josef Kühn, Martin Kühn, Walter Kühn, Heinz Lorenz, Paul Maier, Dieter Mergl, Werner Sachsenmaier, Martin Vogel, Bernd Vogel, Rudi Wild
Melkerinnen Doris Bouché, Carmen Hunkler, Manuela Kühn, Kornelia Schwörer

Tanzgruppen der Volksschauspiele I Großer Chor, Junger Chor und Kinderchor der Volksschauspiele I Frauen, Männer und Kinder der Spielergemeinschaft der Volksschauspiele I Erweitertes Orchester der Volksschauspiele I Musikverein Ötigheim (Leitung: Oliver Grote)

Oldtimerfahrzeuge Johannes Berner, Heinz Bluhme, Rolf Keil, Günther Meier, Manfred Rinkel, Joachim Schneider
Oldtimerbus Wolfgang Fürrer, Rainer Mörch
Alte Feuerwehspritze von der Freiwilligen Feuerwehr Ottersdorf
Altes Löschfahrzeug von der Freiwilligen Feuerwehr Bietigheim

Wir bedanken uns beim Hotel „Im Weißen Rössl“ in St. Wolfgang für die zur Verfügungstellung der Schirme.

Pressestimmen

Badisches Tagblatt, 22. Juni 2009
BERLINER JET-SET PUTZMUNTER IM ALPENIDYLL

von Christiane Lenhardt

Ein „Rössl deluxe“ mit farbenprächtigen Tableaus ist den Ötigheimer Volksschauspielen zum Saisonstart gelungen. Regisseur Manfred Straube inszeniert den Klassiker „Im weißen Rössl“ in nostalgischem Look mit optischer Opulenz wie aus einer märchenhaften Wirtschaftswunder-Kaiserzeit, mit putzmuntererer Schlagfertigkeit und herzerfrischendem Spiel von über 400 Mitwirkenden. Da ist Zug dahinter. Die Pointen sitzen und werden en gros abgefeuert in dem Singspiel mit heiteren bis heftigen Liebenswirrungen zwischen Wirtin, Zahlkellner und ihren gut betuchten Gästen. Obendrein gibt es jede Menge Überraschungseffekte.
Der Welterfolg mit den populären Operettenmelodien von Ralph Benatzky bis Robert Stolz und dem revuehaften Libretto von Erik Charell auf der Freilichtbühne hat das Zeug zum Zugpferd zu werden – und kommt noch zusätzlich in Fahrt durch die PS-Stärken blitzblanker Oldtimer, mit denen die Berliner Hautvolee von einst am vielbesungenen Wolfgangsee anreist. Und um die Echtheit einer Ferienregion in der Hochsaison noch zu unterstreichen rollt ein knallroter Omnibus mit Panoramafenstern auf die Bühne und entlässt eine eilige Reisegruppe, die dem souverän auftretenden Zahlkellner Leopold (Reinhard Danner) gleich Anlass gibt, den ersten Hit loszuwerden – „aber bitte meine Herrschaften…“
Das „Fünf-Sterne-Hotel“ ist das erste Haus am Platz im ländlichen St. Wolfgang und thront auf der riesigen Freitreppe (von Bühnenbildner Fridolin Müller umfunktioniert als Sonnenterasse), wo Kellner mit wehenden Frackschößen umherrennen und die Stubenmädchen Festtagsdirndel tragen. Die Alpenpracht am Wolfgangsee erhebt sich links. Der kleine Ötigheimer See davor kommt zur Sommerfrische mit bunten Liegestühlen am Strand groß raus, wie einst die Adria. Ein Volk von Sennern samt echten Kühen, von Jägern, Schützen, Feuerwehrleuten und Bauern und Wirthausleuten erschafft das Milieu des glückseligen Alpenlandes. Und damit nicht alles ganz aus der Welt erscheint, reisen die Gäste schick mit Hut und weltstädtischer Eleganz an. Kostümbildnerin Helmi Henßler, die mit dem „Weißen Rössl“ nach 35 Jahren als Ausstatterin auf der Freilichtbühne ihre letzte große Arbeit vollendet hat, zeigt ein Best-of schönster Kreationen: Aufwendiger und farbenprächtiger hätte es nicht sein können, ihr gelungener Stilmix aus Charlestonkleid, Trachtenjanker und Dior.
„Das weiße Rössl“ ist auch musikalisch klassisch besetzt mit erweitertem philharmonischem Orchester der Volksschauspiele und Beteiligung des Musikverein Ötigheim. Schwungvoll setzen die Musiker unter Leitung von Matthias Hammerschmitt das Handlungskarussell mit Walzer- und Marschrhythmen in Gang, unterlegen die Sommerträume vom kleinen Paradies in den Bergen ebenso mit sehnsüchtigen Schlagermelodien und tragen die flotten Tanznummern des Ötigheimer Balletts (Choreografie: Andrei Golescu und Julia Krug) und die großen Chöre, von den Erwachsenen- bis zum Kinderchor, durch die schmissigen Operettenhits: von der „Ganzen Welt ist himmelblau“ bis zum „Schönen Sigismund“.
Als „Rössl“-Wirtin hat die Opernsängerin Christiane-Maria Vetter bei der Premiere am Sonntag brilliert. Sonst eher resolut angelegt, in Ötigheim mehr mit Grandezza ereilt sie in der Rolle der Josepha Vogelhuber der Charmeoffensive ihre verleibten Zahlkellners dennoch strenge Abfuhren. Der Ötigheimer Reinhard Danner lässt sich aber von so viel Abwehr-Haltung nicht beirren, steht ihr stimmlich in nichts nach und agiert als liebestrunkener Leopold Brandmeyer virtuos, von Souverän schwankend bis treuherzig schmollend. Und der Wiener Schmäh sitzt bei ihm genauso perfekt wie die Berliner Schnauze bei Siegfried Kühn als Dauergrantler Giesecke, Fabrikant für Trikotagen, der lieber an der Ostssee wäre.
Die Karlsruher Sängerin Annette Postel, in Ötigheim bestens eingeführt als Eliza Doolittle im Kassenschlager „My Fair Lady“ vor vier Jahren beweist – nun als Fabrikantentochter Ottilie ganz selbstbewusste Großstadtlady – große Stimme. Damit hat sie nicht nur den mitt allen Tricks agierenden Anwalt Dr. Siedler um den Finger gewickelt. Der „Rössl“-Stammgast und Schwarm der Wirtin wird von dem Wiener Opernsänger Martin Sommerlatte schneidig verkörpert. Ein rechter Wonneproppen unter den „Rössl“-Gästen, schlägt Maximilian Tüg als Sigismund Sülzheimer, Junior des Giesecke-Konkurrenten aus Belrin, ein wie ein Überraschungsbonbon XXL, verliebt sich unsterblich in das gar nicht schüchterne Klärchen, das Anna Hug mit gekonnt lispelndem Zungenschlag und neckischem Badekleid, verkörpert.
Im Ötigheimer Wolfgangsee-Idyll, wo selbst über ein kräftiges Regenwetter beschwingt hinweggesungen wird, trällert auch die Postbotin – Saskia Stößer (Kathi) jodelt ganz heiter und natürlich. Im Salzkammergut wird für die Gäst‘ alles schnell zum Fest, und wenn der Kaiser Franz Joseph – Josef Kühn als würdevoller, nachsichtiger Monarch – sich ansagt, knallen Böller vor Freude dazu.
Hübsch verklärt, wie aus der guten alten Zeit kommt Manfred Straubes Version des österreichisch-berlinerischen Singspiel daher. Das „Weiße Rössl“ 1930 am Berliner Schauspielhaus uraufgeführt, erscheint auf der Naturbühne der Volksschauspiele wie in einer Ideallandschaft – aber nicht verstaubt, sondern brillant aufpoliert, von immer noch zündendem Witz und dort, wo’s hingehört menschelt, auch von zeitloser Herzenswärme. Die Operette mit Happy End ist ein richtiger Knüller geworden und wird bis Ende August gespielt.

 

Badische Neueste Nachrichten, 22. Juni 2009
HUMORIGE LIEBESWIRREN IN DER SOMMERFRISCHE

von Andreas Jüttner

Kaiserwetter wäre gewesen zur Premiere der Operette, deren Handlung ja schließlich durch einen kaiserlichen Besuch gewissermaßen gekrönt wird. Aber wie der alte Franz Joseph selbst singt: „Grad der allerschönste Traum, Bleibt nur Schaum“ – und so konnte man bei der gestrigen Wetterlage noch hochzufrieden sein, dass das muntere Treiben auf der Freilichtbühne Ötigheim mit nur einem kurzen Schauer bedacht wurde. Und der kam auch noch genau zur Badeszene runter – als wolle die Witterung eine eigene Pointe setzen.
An denen mangelt es nicht in Ralph Benatzkys 1930 uraufgeführtem Werk, das seinerzeit trotz baldigem Verbot durch die Nazis zum internationalen Erfolg und nach dem Krieg auch hierzulande zu einem Dauerbrenner wurde. Die Handlung, die auf einem Alt-Berliner Lustspiel von 1898 beruht, mag nicht mehr ganz taufrisch wirken, dennoch tut Regie-Routinier Manfred Straube gut daran, das leichtfüßige Spiel um Liebeswirren in der Sommerfrische nicht mit Aktualisierungen zu beschweren. Und so entspricht seine Inszenierung – mit drei Stunden Spielzeit bei aller Kurzweil freilich nicht kurz – einer Zeile aus dem berühmten Titelsong: „Tritt ein und vergiss deine Sorgen“.
Vergnügt verfolgt man, wie Zahlkellner Leopold so vehement wie vergeblich um seine Chefin Josepha wirbt. Seinem Schwärmen „Es muss was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden“ entgegnet sie: „Ihr Herz ist mir wurscht, drin die Gäst‘ haben Durscht.“ Sie selbst hat sich in ihren smarten Stammgast Dr. Siedler verguckt, der aber für Ottilie, die Tochter des Berliner Fabrikanten Giesecke entbrennt, die dieser wiederum mit dem Sohn seines Konkurrenten zu vermählen denkt…
Es geht drunter und drüber und letztlich um nichts – was das Vergnügen umso beschwerlicher macht. Freilich: Wer die Entstehungszeit bedenkt und weiß, dass Benatzky zum Schutz seiner jüdischen Frau emigrieren musste, der hört melancholische Zwischentöne, wenn Leopold gefeuert wird und sich von seinen Kollegen verabschiedet mit der Einsicht, keiner wisse „wann und wie und ob er wiederkommt.“
Solche Anflüge verfliegen aber im Nu, angesichts des Bühnengewusels, das die erneut hoch motivierte Spielergemeinschaft entfacht. Souverän gestalten die drei beteiligten Profis Christiane-Maria Vetter als Josepha, Martin Sommerlatte als Dr. Siedler und die Karlsruherin Annette Postel als Ottilie – ihre Parts hin- und mitreißend ist das Ötigheimer Eigengewächs Reinhard Danner in der Paraderolle des Leopold, im Schmäh-Tonfall so treffsicher wie in den klangschön und ausdrucksstark gestalteten Liedern. Doch selbst er stünde auf verlorenem Posten ohne die vielen hundert Mitwirkenden die als Touristen, Landbevölkerung, Badegäste oder jubelnde Untertanen die Bühne wahrhaft bevölkern. Und nicht zuletzt ist die Aufführung ein Triumph für Helmi Henßle: Die einst am Badischen Staatstheater tätige Kostümbildnerin bliebt nach ihrer Pensionierung den Volksschauspielen treu und nimmt nun in ihrer 35. Saison Abschied. Dafür wurde offenbar nochmal aus den Vollen geschöpft: Allein die Vielzahl und die Farbenpracht der Kostüme ist ein Ereignis für sich. Selbst wer für pure Operettenseligkeit nichts übrig hat, findet ein Identifikationsangebot: Als dem Kaiser ein Huldigungs-Chor die Ruhe raubt, seufzt der alte Herr (Josef Kühn): „Mir bleibt auch nichts erspart.“ Der stehend gespendete Beifall am Premierentag zeugte freilich von Übereinstimmung mit einem anderen Kaiser-Zitat: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.“

Pforzheimer Zeitung, 22. Juni 2009
GRANDIOSER AUGENSCHMAUS

von Sebastian Giebenrath

Auch wenn entblößte Brüste, nackte Hintern und andere unbedeckte Körperteile anscheinden zu den Grundbestandteilen deutschen Theaterschaffens gehören – ein hübsch verpackter Leib ist meist doch eine größere Augenweide. Dreieinhalb Jahrzehnte lang hat deshalb Helmi Henßler mit viel Phantasie und unbestechlischer Geschmackssicherheit die Akteure der Ötigheimer Volksschauspiele ausstaffiert und trug so maßgeblich dazu bei, die Aufführungen in der herrlichen Naturkulisse stets zum optischen Vergnügen werden zu lassen. Und das gilt nicht minder für Originalität und Opulenz der Kostüme im Singspiel „Im weißen Rössl“, mit dem heuer die Volksschauspiele aufwarten.
In ihrer letzten Arbeit für Ötigheim hat Helmi Henßler noch einmal sämtliche Register ihres Könnens gezogen, lässt zu „Mein Lieblingslied muss ein Walzer sein“ einen Trupp ranker, schlanker Damen mit pastellschillernden Plisseeflügeln wedeln, schmeichelt der straußfederbekrönten Tanzgruppe zu „Die ganze Welt ist himmelblau“ mit asymmetrischen, seidenblau schimmernden Volantkleidern. Ganze Hundertschaften in stilechten Trachten bevölkern die Szeniere; über Treppe und Terrasse flanieren schick gekleidete, mit dem echten Oldtimerbus herangekarrte Hotelgäste. Diese von Manfred Straube besorgte, zügige Neuinszenierung des Singspiels bietet solch eine Überfülle der optischen Details, dass der Betrachter kaum nachkommt mit seiner Augenwanderung. Da sind die künstlichen Kühe, die zum Takt mit den Wimpern klimpern, nur einer der witzigen Einfälle. Denn die prompt am Gebüsch knaberndenrealen Schafe und Ziegen, die bäuerlichen Orchsengespanne oder die edlen Apfelschimmel vor der kaiserlichen Kutsche sind geradezu unverzichtbarer Bestandteil der Ötigheimer Volksschauspiele, ebenso wie der echte Teich, über den die Badegesellschaft rudert, oder beispielsweise der ausnehmend stimmsaubere Kinderchor. Wobei dabei nun etwas auffällt, das die Leitung der Volksschauspiele zu bedenken hätte, nämlich das problematische Tongemisch zwischen Akteuren mit und ohne Headstmikrofonen, der zu klein dimensionierten Lautsprechertechnik, dem bisweilen zu laut ausgesteuerten Orchester und der natürlichen Klangqualität in freier Natur, die schon immer zu den besonderen Vorzügen Ötigheims gehört hat.
Da wird es dann auch schwierig für den gewiss wackeren Roman Gallion in der Rolle als verliebter Zahlkellner Leopold, sich durchzusetzen gegen Gesangsprofis vom Schlage der Silvia Klauder, die eine fesche Wirtin Johanna höhen- und intonationssicher anlegt, oder Wolfram B. Meyer, als ebenso stimmstarker und quicker Anwalt. Hannes Beckert, sozusagen Ötigheimer Urgestein, brilliert und berlinert kreuzkomisch als Hemdhosenfabrikant Giesecke, Hort Herrmann zeichnet eine feiner Studie als Kaiser Franz Joseph; Lissi Hatz legt eine köstliche verschroebene Jungfrauenvereinsvorsitzende hin. Und auch alle anderen Akteure sorgen dafür, dass dieses „Rössl“ die geschichte der Volksschauspiele erfolgreich weiterschreibt. Hingehen! Es lohnt sich!

 

Die Rheinpfalz, 19. Juni 2009
DAS GANZE VOLK MACHT MIT

von Winfried Heck

„Das ist der Zauber der Saison, da trägt die Landschaft Zinsen“, singen die Bewohner von St. Wolfgang am Wolfgangsee in der Operette „Im weißen Rössl“ und irgendwie passt dieser Satz zu den Volksschauspielen Ötigheim, die am jetzigen Wochenende mit genau diesem stück in Ötigheim bei Rastatt Premiere feiern. Keine drei Monate dauert die Saison auf Deutschlands größter Freilichtbühne und in dieser Zeit muss die Ernte für ein Jahr Arbeit eingefahren werden. Für die 20 Vorstellungen des „Weißen Rössl“ sind schon vor der Premiere rund 60.000 Karten verkauft (Auslastung: 75 Prozent) die Karten für das Kindertheater „Ronja Räubertochter“ sind schon alle weg.
Rund 400 Menschen aller Altersgruppen tummeln sich schon während der Proben auf und hinter der Bühne, die für das Volk, die Masse der Laiendarsteller traditionell am Ostermontag beginnen. Dann ist das Frühlingserwachen auf der Freilichtbühne fast schon mit Händen zu greifen. Voller Vorfreude auf die Anstehende Saison beginnt die Probenarbeit und vorallem die älteren Mitwirkenden sind froh, sich endlich wieder in großer, geselliger Runde treffen zu können. Und egal, ob man nur im Volk mitläuft, oder eine der Hauptrollen ergattert hat, gemeinsam begeben sie sich an diesem Ostermontag auf die Reise, die mit der Premire des „Rössl“ ihren ersten Höhepunkt erleben wird.
Weil alle Rollen mindestens doppelt besetzt sind, muss auch alles doppelt geprobt werden. Die zweite Generalprobe ist dabei übrigens den Menschen aus Winnenden gewidmet. Weit über 1000 Winnender haben die Einladung angenommen und werden die ersten sein, die die arbeit von Regisseur Manfred Straube und dessen Team begutachten können.
Die Geschichte des „Weißen Rössl“ ist alt bekannt: bereits seit mehr als 80 Jahren wirbt Oberkellner Leopold immer wieder um die Gunst der Rösslwirtin Josepha Vogelhube, säuselt Ohrwürmer wie „Es muss was Wunderbares sein“ und „zuschaun kann i net“ – Lieder, die zum Mitsingen animieren.
Neben Operette und Kinderstück gibt es auch wieder die traditionellen Festlichen Konzerte, dieses Mal mit dem weltberühmten Tölzer Knabenchor. Spannend dürfte auch der Abend mit dem schlichten Namen „Glück“ werden, der sich vor allem sich vor allem an ein jüngeres Publikum wendet und für den die Volksschauspiele erstmals den Karslruher Performance-Desinger Enno-Ilka Uhde gewinnen konnten.
Uhde hat seine Spielweise normalerweise in Fußballstadien, wo er inzwischen regelmäßig die sHow vor den Fußball Champions Legue Finale (zuletzt in Rom) oder vor dem DFB-Pokalfinalen gestaltet. Abgerundet wird das Programm durch Gastspiele, wobei neben der „Galanacht des Musicals“ und dem Auftritt des Duos Marshall und Alexander, die bereits zum neunten Mal in Folge in ihrem „Wohnzimmer“ auftreten, die Auftritte von Ex-Supertramp-Sänger Roger Hodgson sowie Helge Schneider herausstechen. Der Schauspielsommer endet am 30. August, genauso wie er am Samstag beginnen wird, mit einer Aufführung des „Weißen Rössl“.

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