Franz von Assisi

Im Spieljahr 2008 steht eine Uraufführung auf dem Spielplan der Volksschauspiele: Franz von Assisi – Der Narr Gottes aus der Feder des österreichischen Erfolgsautors Felix Mitterer bringt die Lebensgeschichte einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der Kirchengeschichte auf die Naturbühne. In insgesamt zwölf Aufführungen sehen über 41000 Besucher das dreineinhalbstündige Schauspiel. Als Franz von Assisi ist Ronald Spieß zu sehen, die Clara mimt Carolin Friedrich. Die Regie liegt in den Händen von Gerhard F. Brucker.

Handlung

Franz von Assisi, 1181 als Sohn reicher Eltern geboren, geriet während des Städtekrieges zwischen Perugia und Assisi in Gefangenschaft. Ein Ereignis, das sein Leben radikal verändert: Er wendet sich Gott zu, entsagt allem Besitz und hilft den Armen und Kranken. Was Franziskus lebt, begeistert andere: Gemeinsam mit zahlreichen Anhängern gründet er den später auch päpstlich anerkannten Orden der Minoriten. Franziskus verstirbt 1226, seine Idee wird bis heute von seinen Brüdern weiter getragen.
Von Felix Mitterer im Auftrag der Volksschauspiele verfasst, kommt 2008 mit Franz von Assisi – Der Narr Gottes das Leben einer der bedeutenden Persönlichkeiten der Kirchengeschichte auf Deutschlands größte Freilichtbühne.

Rollenbesetzung

Inszenierung und Spielleitung Gerhard F. Brucker
Regieassistenz Gabi Karius
Musikalische Leitung, Musik/Bearbeitung Matthias Hammerschmitt
Musikalische Assistenz Johann German
Einstudierung Kinderchor Maria Bagger
Bühnenbild Friedolin Müller
Kostüme Helmi Henssler
Choreografie Andrei Golescu, Julia Krug
Reiterinspektion Jutta Kühn, Simone Fettig, Claus Becker
Souffleuse Corina Kühn, Gabi Karius

PERSONEN

Franziskus Ronald Spiess
Pietro Bernadone, sein Vater Hannes Beckert
Pica, seine Mutter Sabine Speck, Bernadette Kölmel
Clara Tanja Paha, Carolin Friedrich
Bruder Rufino, ein Adliger Stefan Vogt, Maximilian Tüg
Bruder Bernardo, ein Geschäftsmann Markus Wild, Roman Gallion
Bruder Silvestro, ein Priester Martin Kühn, Reinhard Danner
Bruder Leo, ein Gaukler Alexander Mergl, Christoph Dettling
Eine Aussätzige Frau Gerlinde Minkus, Marianne Lorenz
Ausrufer Sadek Achache
Wächter im Kerker von Perugia Heinz Lorenz, Walter Kühn
Antonio, Pfarrer von San Damiano Rudi Wild, Bernd Hagemann
Bischof Guido Kurt Tüg, Fritz Müller
Agnes, Claras Schwester Sarah Pisterer, Stephanie Kuhn
Ortolana, Claras Mutter Ulrike Weßbecher, Claudia Körner
Scipio Favarone, Claras Vater Fritz Müller, Claus Becker
Räuberhauptmann Paul Kölmel, Gerold Baumstark
Räuber David Weingärtner, Heinz Lorenz, Walter Kühn, Andreas Kuhn, Günther Heidel, Franz Hamhaber, Stefan Brkic, Sadek Achache
Papst Innozenz III. Peter Weingärtner, Hans-Peter Mauterer
Kardinal Giovanni Colonna Hermann Schorpp, Werner Sachsenmaier
Kardinal Asculo Heinz-Peter Löffler, Josef Kühn
Kardinal Tomaso Herbert Kölmel, Horst Herrmann
1. Junge Frau Christina Gailfuß, Isabel Beckert
2. Junge Frau Sonja Waldner, Tina Fortenbacher
1. Junger Mann Günther Heidel, Stefan Brkic
2. Junger Mann Thomas Weber, Johannes Tüg
Niklas, Anführer des Kinderkreuzzuges David Kühn, Flroian Hug
Stephan, sein Stellvertreter Julian heitz, Felix Behringer, Julian Baumstark
Junge Kreuzfahrer Sarah Stolzer, Santina Heitz
Junger Kreuzfahrer Jan Pisterer, Johannes Kühn
Kreuzfahrerkind Alexander Höfele, Anna Beckert
Aussätzige Günther Heidel, Stefan Brkic
Sultan Melek al-Kamil Günter Vogt, Werner Nold
Korangelehrter Paul Maier, Werner Bouché
Chorleiter Bernd Kessler
Ein Bettler Heinz Lorenz, Walter Kühn
Ein Hirte Sadek Achache
1. Chorbruder Thomas Weber, Johannes Tüg
2. Chorbruder Gütnher Heidel, Stefan Brkic
3. Chorbruder Lukas Späth, Stephan Pikora
Gaukler „Leben 1482“ Rita Summa, Rainer Gehring, Tatiana Drexler, Stephan Drexler
Fanfarenbläser Thorsten Kölmel, Steffen Kleinkopf, Markus Horzel, Richard Fortenbacher, Dominik Appel
Bühnenmusikanten Boris Yoffe, Yukiko Yaita, Elizabeth Rumsey, Baptiste Romain, Anita Orme Della-Marta, Tobie Miller, Ulrike Mayer-Spohn, Marc Lewon, Michal Gondko

Tanzgruppen der Volksschauspiele
Großer Chor, Junger Chor und Kinderchor der Volksschauspiele
Reiterei
Frauen, Männer und Kinder der Spielergemeinschaft der Volksschauspiele

Pressestimmen

Erfolgsgeschichte eines radikalen Aussteigers

von Christina Zäpfel

Er ist ein Rebell, ein Revoluzzer, er lehnt Hierarchien ab, sucht die Freiheit, verachtet den ungezügelten Konsum, er lehnt sich gegen die Obrigkeit auf, glaubt nicht an gesellschaftliche Konventionen und fördert die Gleichberechtigung von Mann und Frau – kurz: Er ist radikal. Franz von Assisi, dessen bemerkenswerte Lebensgeschichte jetzt bei den Volksschauspielen Ötigheim Premiere feierte, wollte ein Narr Gottes sein. Sein Leben steht im Zeichen von Läuterung, Demut und Fröhlichkeit. Und vor der beeindruckenden Kulisse von Deutschlands größter Freilichtbühne entspann sich so bei der gestrigen Premiere eine bewegende, wenn auch über vier Stunden hinweg etwas langatmige Metamorphose, an der das ausverkaufte Haus teilhaben durfte. Franziskus, Lebemann aus gutem Hause, Hansdampf in allen Gassen, erfährt plötzlich die geballte Härte von Krieg und Gefangenschaft. Danach geschieht etwas Revolutionäres, zumindest in den Augen derer, die weiter ihre Eitelkeit im Kampf pflegen möchten und an den schnöden Mammon glauben: Franziskus entsagt den Reichtümern des Vaters, zieht sich ein Büßergewand an und kümmert sich um die Aussätzigen. Und zudem geschieht an diesem Punkt der Inszenierung auch etwas Spektakuläres, zumindest in den Augen Tausender Zuschauer: die möglicherweise erste Nacktszene auf den Bühnenbrettern Ötigheims. Dort, wo Tell gedemütigt und Jesus gegeißelt wurde, hat sich Franz (Ronald Spiess) als Symbol seines neuen Lebens in völliger Armut vor den Augen des Bischofs (des gespielten und des leibhaftigen, evangelischen Landesbischofs im Publikum) entkleidet.
Es entwickelt gewissermaßen ein Erfolgsgeschichte, an deren Ende eine Jahrhunderte überdauernde Gemeinschaft mit Tausenden Anhängern steht. Franziskus findet Mitstreiter, heilt Kranke und bekehrt Ungläubige. Und die prächtige Inszenierung endet mit seinem berühmt gewordenen Sonnengesang, ein Lobpreis auf die Schöpfung und in Felix Mitterers Schauspiel eine Art Vorausschau: Franziskus‘ Wirken hat überdauert, den lebendigen Beweis dafür gaben auch die unzähligen Franziskaner-Brüder und Schwestern, die zur Premiere nach Ötigheim kamen.
Auch das große Ensemble ließ sich offenbar von der Botschaft des Franziskus mitreißen. Unter der bewährten Regie von Gerhard F. Brucker spielten mehr als 500 Darsteller ein zugleich inhaltlich unterhaltsames wie tiefgründiges Stück Glaubensgeschichte. Insbesondere dem Schauspielprofi Ronald Spiess in der Titelrolle gelang es geradezu fabelhaft, das wankel- und hochmütige Wesen des erst schillernden, dann beispielhaften Heiligen authentisch zu verkörpern. An seiner Seite überzeugten Carolin Friedrich als Clara, Franziskus‘ Geliebte, Bernadette Kölmel als seine Mutter und mindestens drei Dutzend weitere Gefährten, Widersacher und Neider.
So ist Ötigheim auch in dieser Saison das, was es schon so oft in seiner über 100-jährigen Geschichte war: Kulisse für pompöse Massenszenen, für eine Heerschar an ambitioniertenLaiendarstellern und, wie könnte es bei Franz von Assisi anders sein, für unzählige Tiere, farbenfrohe Kostüme, wallende Gewänder und auch gerne mal eine Portion Klischees: Es müssen wohl, wenn es um Araber geht, zwangsläufig Turban, Bauchtänzerinnen und Perserteppiche zu sehen sein.
Das Neue an dieser mit viel Engagement entstandenen Produktion ist die außergewöhnliche Geschichte eines Heiligen, der am Ende sogar seinem Orden den Rücken kehrt, um in Demut vor seinen Herrn zu treten. Vor allzu überbordender Frömigkeit wird die dann doch etwas althergebracht inszenierte Aufführung durch den mitunter feinsinnigen Humor des Franziskus, erquicklichen Pointen, die zeitlos-moderne Botschaft und die schön arrangierten Bilder bewahrt.
(BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN, 16. Juni 2008)

 

Mysterienspiel und Volksstück

von Christiane Lenhardt

In seinem neuen Franz von Assisi – Der Narr Gottes für die Ötigheimer Volksschauspiele hat der österreichische Gegenwartsdramatiker Felix Mitterer das sozialkritische Volksstück mit dem Mysterienspiel wirkungsvoll vereint. Und da der Autor ein humorvoller Provokateur ist, der den Zuschauer in seinen Stücken berühren will, hat er den berühmten mittelalterlichen Heiligen mit der zutiefst christlichen Botschaft auch als radikalen, aber sympathischen Freigeist dargestellt, der sich schon als reicher Tuchhändlersohn nichts sagen ließ. Die Mischung aus biblischen Texten, zeitenüberdauernder Wahrheit und moderner Sprache macht das Stück trotz des alten Themas bestechend aktuell.
Franz von Assisi, den Felix Mitterer liebevoll Francesco nennt, ist ein junger wilder und ein aufmerksamer Kümmerer, aber unkonventionell, selbstbewusst und zugleich selbstkasteiend und zweifelnd. Er träumt einen wunderbaren Traum von der Gewaltlosigkeit und der Menschenliebe, der schon damals schwer umzusetzen war. Der Baden-Badener Schauspieler Ronald Spiess verkörpert den charismatischen Francesco mit Energie und Entschiedenheit. Er trägt die lange Geschichte durch 21, lose durch Musik verbundene Stationen, die die legendäre Figur von der Bekehrung bis zum Ende des entbehrungsreichen Lebens durchläuft, ganz entscheidend. Aber auch die Tableaus der gestrigen Ötigheimer Uraufführung waren stimmig. Volks-, Chors- und Tanzszenen haben die tiefsinnigen Franziskus-Botschaften in schönster Abwechslung aufgelocker: Märchenhafte Bilder sind entstanden wie die mit vielen Tieren ausstaffierte Krippenszene und Eindringlichkeit wie der Aufgalopp der Ötigheimer Pferde als Machtsymbole der Kirchenväter, die einen Aufrechten schnell zum Ketzer erklärten.
Die traditionelle, sehr liebevoll ausgestattete Inszenierung von Gerhard Franz Brucker auf der Naturbühne dauert zwar mehr als drei Stunden, ist aber spannend bis zur letzten Minute. Auch dank der vielen engagierten, gut ausgebildeten Ötigheimer Amateurdarsteller.
(BADISCHES TAGBLATT, 16. Juni 2008)

 

Franz von Assisi in Ötigheim

von Hartmut Krug

Das Spiel beginnt auf der riesigen Naturbühne vor 4.000 Zuschauern mit einer Ansprache. Der Redner, Erster Vorsitzender des Volksschauspielvereins, ist zugleich Theaterpfarrer. Denn der Dorfpfarrer gründete 1906 die dem katholischen Glauben verpflichteten Volksschauspiele im 4000-Seelendorf Ötigheim unweit von Baden-Baden. Nicht einem Gelübde wie in Oberammergau verdankt sich das Theaterspiel, sondern dem Wunsch, die Bühne als erweiterte Kanzel zu nutzen. Die gesellschaftliche Entwicklung hat es mit sich gebracht, weder katholisch sein noch direkt aus Ötigheim kommen müssen, und in der Regie und in großen Rollen werden seit längerem auch (bezahlte) Profis eingesetzt. Das Festival spielt über 80 Prozent seines rund zwei Millionen umfassenden Etats selbst ein, doch noch immer herrscht Freiwilligkeit vor bei den über 600 Mitwirkenden. Auch in Ötigheim wird in mehrjährigen Abständen die Passion inszeniert, aber neben Stücken aus katholischen Geist pflegt man ein breites theadrales Spektrum. Schillers Wilhelm Tell 1910 erstmals gespielt, wird oft inszeniert, und sogar Fidelio und Anatevka standen auf dem Spielplan. Werner Sachsenmaier, Laiendarsteller und Geschäftsführender Vorstand des Volksschauspielvereins: Unsere Grundeinstellung ist die christliche Weltanschauung, und unsere Hauptaufgabe ist die Vermittlung christlicher Werte. Wobei die sich nicht nur in rein religiösen stücken ausdrücken können, ein christlicher Wert ist auch die Freiheit. Wenn wir den Tell oder Fidelio spielen, haben wir im Grunde die gleiche Intention.
So bahnt man sich mit Geschick seinen eigenen Weg zwischen einem Volkstheater mit Laienspiel aus katholischem Geist und einem Festivalprogramm, das sich zwischen den vielen medialen Events unserer Gesellschaft mit bunter Vielfalt zu behaupten sucht, auch mit Irish-Dance und Pop-Konzert. Im Zentrum der Ötigheimer Volksschauspiele steht aber weiterhin das von christlichen Werten bestimmte Stück wie in diesem Jahr Franz von Assisi – Der Narr Gottes. Felix Mitterers Auftragswerk wirkt bei seiner Ötigheimer Uraufführung zwar lehrhaft aber keineswegs dogmatisch. Der Autor steht für verständliches Gebrauchstheater, er macht Kompliziertes oft einsichtig und lässt wenige Schattierungen zwischen Gut und Böse zu. Mitterers Stück erzählt mit viel Empathie die Lebensgeschichte eines Mannes, der nicht in Worten, aber in Taten die katholische Kirche kritisiert. Franz wird 1181 als Sohn reicher Eltern geboren und genießt sein Leben bei Festen und Feiern, bis er im Städtekrieg zwischen Assisi und Perugia in Gefangenschaft gerät und sich Gott zuwende, allem Besitz entsagt und den Armen und Kranken hilft. Gezeigt wird dies als aufwendiges Spektakel in dessen Zentrum fast kammerspielartige Auseinandersetzungen zwischen Franz und seinen Eltern, mit der – eigentlich geliebten – adligen Klara, die Nonne wird, und mit seinen Glaubensbrüdern stehen. Die Inszenierung nutzt die gesamte Weite und Tiefe der riesigen Bühne und erzählt das Geschehen in bewegter Statuarik, als Spektakel mit Gauklern und Bauchtänzerinnen, mit Reitern und Tieren aller Art. Natürlich gibt es ein Orchester sowie Ballett, Chöre und große Volksszenen
Das mehrheitlich ältere Publikum, darunter nicht wenige Nonnen im Gewand der Franziskanerinnen, schaut lebhaft zu und reagiert mit naiver Direktheit. Wenn Klara Nonne werden will und deren Darstellerin sich ihre langen Haare schneidet, geht ein entsetztes Raunen durch das Publikum
Felix Mitterer hat ein Stück geschrieben, das zwar nicht zeigefingrig, aber mit seinen eindeutigen Figuren von voraussehbarer Spannungslosigkeit ist. Immerhin erscheint Franz in der historisierenden Inszenierung sprachlich wie in seinem Verhalten, in seiner Auseinandersetzung mit Armut, Krieg und Islam, als eine ungemein heutige Figur.
Neun Vorstellungen waren angesetzt, alle waren so schnell ausverkauft wie die drei Zusatzvorstellungen. Die Ötigheimer Volksschauspiele scheinen ein Erfolgsmodell zu sein, auch mit religiösen Stücken.
(FREITAG – DIE OST-WEST WOCHENZEITUNG, 20. Juni 2008)

 

Wenn der Buchfink passend singt…

von Sebastian Giebenrath

Erstaunlich genug – keiner der großen Theaterautoren hat eine der faszinierenden Gestalten der Weltgeschichte zum Bühnenleben erweckt. Lediglich der vor einigen Jahren verstorbene Schweizer Franz Fassbind umzirkte mit dem Stück Poverello das Leben jenes 1182 geborenen Kaufmannssohnes Francesco Bernardone, der als Franz von Assisi selbst Bildungsfernen ein Begriff ist.
Schon allein deshalb gebührt den Volksschauspielen Ötigheim ein Sonderlob, weil sie sich jetzt nach jahrelanger Vorarbeit mit einer aufwendigen, opulent ausgestatteten Produktion des Themas angenommen haben. In einer beifallumrauschten Premiere feierte nun das Stück Franz von Assisi – der Narr Gottes seine Uraufführung. Verfasst worden ist der Bühnentext von dem alternden Vieltextschreiber Felix Mitterer, der soeben seinem Film über den Problembären Bruno dem Verhältnis Mensch-Tier auf andere Weise nachspürt, als es Franz von Assisi mit seinen Predigten getan hat. Es wäre entschieden übertrieben, Mitterers zwischen Daily-Soap und Traktätchenton schwebenden Text als großen literarischen Wurf zu bezeichnen. Aber bühnenwirksam ist er in Ötigheim allemal, weil sich vorallem das Auge wieder satt sehen kann an der herrlichen Naturkulisse; wieder alles aufgeboten ist an einfallsreich und diesmal besonders schön aufgeputzten Menschenscharen (Kostüme: Helmi Henßler); weil Chor, Junger Chor, Kinderchor und Orchester unter der Leitung von Matthias Hammerschmitt beeindruckende Leistungen zu bieten vermögen; und weil schließlich das, was Ötigheims Aufführungen seit über einem Jahrhundert eine besondere Note verleiht: die Vielzahl unterschiedlichster Tiere. Da grunzen veritable Schweine im Pferch, wenn ihnen Franz von Assisi predigt; Gefangene werden herbeigekarrt auf einem Leiterwagen, den eine Kuh zieht; auf noblen Pferden preschen Reiterscharen einher; putzige Esel und frisch geschorene Schafe beleben die Szenerie; nicht zu vergessen die emsig am Gebüsch knabbernden Ziegen. Und just nach Franzens Predigt zu den Vögeln wie bestellt ein Buchfink schmettert, was das Zeug hält, dann ist jene Atmosphäre entstanden, die kein geschlossenes Theater je zu bieten vermag. Da ist denn auch leichthin zu verschmerzen, dass die Inszenierung durch Gerhard Franz Brucker ein bisschen behäbig ausfällt, dass der Spielfluss gelegentlich zu stocken droht, trotz vieler einfallsreicher Details und anschaulicher Einzelszenen. Sehr schön das quirlige Treiben in Assisi, in dem Franz vor seinem Wandel zum Predigerals vergnügungssüchtiger Jungmacho agierte. Eine hervorragend gedrillte Truppe von gutgewachsenen Bauchtänzerinnen (Choreografie: Andrei Golescu, Julia Krug) erregt das Augenmerk vor dem Zelt des Sultans (eindrucksvoll: Werner Nold). Diesen nämlich hatte Franz besucht, um sich – leider vergeblich – für eine Aussöhnung zwischen Christentum und Islam einzusetzen.
In der Titelrolle als Franz von Assisi gibt Ronald Spiess eine durchaus imponierende Figur ab. Zwar hübsch anzusehen, doch etwas blass in der Rollenzeichnung bleibt Carolin Friedrich als Franzens Geliebte und spätere religiöse Weggefährtin Clara. Hannes Beckert profiliert sich als entrüsteter Vater, Fritz Müller verleiht dem Bischof Guido kirchenfürstliche Würde; Maximilian Tüg verkörpert glaubhaft den Bruder Rufino. Viele Lacher erntet Alexander Mergl mit der köstlichen Figur des Bruder Leo. Ötigheim und sein Franz von Assisi sind zweifelsohne eine Reise wert.
(PFORZHEIMER ZEITUNG, 19. Juni 2008)

 

Das Leben eines „Partylöwen“ in 21 Bildern

Mit der Uraufführung des Stückes Franz von Assisi – der Narr Gottes starten die Volksschauspiele Ötigheim am kommenden Sonntag in die neue Saison auf der Freilichtbühne. Mehrere Hundert Mtwirkende und zahlreiche Tiere werden in der für Ötigheim typischen Art dem Publikum Streiflichter aus dem Leben des Heiligen Franz von Assisi präsentieren.
Schon vor der Premiere sind weit über 90 Prozent der insgesamt knapp 45.000 Karten verkauft, für einige der zwöf Vorstellungen gibt es nur noch Restkarten an der Abendkasse.
Geschrieben hat das Stück im Auftrag der Volksschauspiele der Österreichische Autor Felix Mitterer, der in Deutschland insbesondere als Drehbuchautor der Piefke-Saga und mehrerer Tatorte bekannt geworden ist. Mitterer bekam unter anderem schon zwei Mal den hoch angesehenen Adolf-Grimme-Preis verliehen und blieb auch bei seinem Stück für die Volksschauspiele Ötigheim seiner durchaus kirchenkritischen und gegen die Frömmelei gerichteten Linie treu. Wir bewegen uns nach wie vor in den Spuren von Josef Saier, wird laut Werner Sachsenmaier, dem geschäftsführenden Vorstand der Volksschauspiele Ötigheim, auch mit dem neuen Stück der Intention des früheren Ortsgeistlichen und Theatergründers gefolgt, der die Freilichtbühne stets als erweiterte Kanzel sah
Wobei die Kartennachfrage alle überraschte, denn ein brandneues theaterstück über einen christlichen Heiligen wurde nicht unbedingt als Publikumsrenner eingestuft. Doch offentichtlich fasziniert die Figur des Heiligen Franz von Assisi noch immer – wie nicht nur die zahlreichen Pilgerfahrten nach Assisi zeigen. Der Heilige Franz ist noch immer ein Sympathieträger, denn mit seiner einfachen, friedfertigen Lebensweise dient er auch heute noch als Vorbild. Sein Einsatz für Außenseiter, für mehr Gerechtigkeit und gegen die Anhäufung von Macht, sein Einsatz für die Natur und für Toleranz zwischen den Religionen, das alles sind brandaktuelle Themen, besteht laut Regisseur Gerhard Franz Brucker nie die Gefahr, dass hier ein frömmelndes Heiligenstück aufgeführt wird.
Gezeigt werden 21 bilder aus dem Leben des Giovanni Francesco Bernardone (Hauptrolle Ronald Spiess), wie der 1181 oder 1182 geborene Sohn wohlhabender Eltern mit bürgerlichem Namen hieß. Und zunächst weiß dieser Francesco das Leben in vollen Zügen zu genießen, ist soetwas wie der Partylöwe seiner Heimatstadt. Im Jahr 1202 zieht Francesco in den Krieg gegen die Nachbarstadt Perugia und gerät in Gefangenschaft, aus der er erst zwei Jahre später völlig verändert zurückkehrt. Der einstige Lebemann predigt plötzlich den Verzicht, wird zum Einsiedler und teilt sein Essen selbst mit Aussätzigen. Das macht ihn bei den Kirchenoberen höchst verdächtig und vermutlich bewahrt ihn lediglich seine Gewaltfreiheit und seine Demut davor, als Ketzer verbrannt zu werden. (…)
Autor Josef Mitterer wird bei der Premiere am Wochenende persönlich anwesend seinund gemeinsam mit knapp 4000 Zuschauern erleben, wie sein Stück vom Volksschauspielensemble umgesetzt wird. Der lang anhaltende Applaus, den das Publikum am Dienstag bei der öffentlichen Generalprobe spendete, war schon mal vielverprechend.
(DIE RHEINPFALZ, 14. Juni 2008)

 

Franziskus – der moderne Heilige

von Thomas Liebscher

Eine der berühmtesten Städte der Welt ist San Francisco. Touristen pilgern in Scharen zu diesem Traumziel mit seiner Golden Gate Bridge. Vor 150 Jahren suchten die Goldsucher für den Aufschwung der Stadt, vor 40 Jahren wurde sie von den Blumenkindern zur Zentrale erkoren. Und über allem schwebt ein Heiliger: San Francisco ist benannt nach dem heiligen Franz von Assisi. Spanische Missionare vom Orden der Franziskaner gründeten 1776 eine Niederlassung an der berühmten Bucht. Die dort später entstandene, zunächst mexikanische Stadt hieß erst Yerba Bueno, nach Übergang an die USA dann 1848 San Francisco. Vielleicht hat sich ja etwas von der Faszination von der Person Franziskus‘ auf die Stadt übertragen? Bis heute ist Franz von Assisi eine Figur mit starker Ausstrahlung, nicht nur auf tief religiöse Menschen. Wie er auf Reichtum und ein Leben in Saus und Braus verzichtete, sich um die Ärmsten kümmerte Natur und Tiere würdigte und beispielsweise den Vögeln predigte – das beeindruckte in allen Zeiten.
Bei den Volksschauspielen Ötigheim erlebte in der vergangenen Woche ein Theaterstück über den großen Heiligen seine Welturaufführung. Felix Mitterer schrieb im Auftrag der größten deutschen Freilichtbühne Franz von Assisi – Der Narr Gottes. In 21 Bildern spürt der österreichische Autor dem Leben des Italieners nach, der im Mittelalter lebte.
In dessen Rolle schlüpft in Ötigheim der Schauspieler Ronald Spiess. Welche Verbindung hatte er vor den Probearbeiten zu Franziskus? Drei Dinge waren mir noch im Kopf: Vogelpredigt, Armut und Barfüßigkeit. Ich bin evangelisch aufgewachsen, habe mich aber bald distanziert und hatte keinen religiösen Bezug zu diesem Heiligen.
Umso stärker wurde die Beschäftigung während der langen Probenarbeit, die in Ötigheim wegen der vielen Mitwirkenden üblich ist. Das sich ein Lebemann fragt, was wirklich wichtig ist, das kenne ich von früher selbst. Und hochaktuell ist doch der Konsumverzicht, den Franziskus lebt. Ich möchte auch kein Konsumtrottel sein, und auch meinen Kindern davon etwas vermitteln, so der vielgefragte Bühnen- und Filmschauspieler. Für die SWR-3-Lyrix war er im Vorjahr auf Tournee. Dem Baden-Badener Ronald Spiess imponiert, wie sich Franz von Assisi für seine Sache so konsequent eingesetzt hat, auch gegen die Amtskirche, und wie er die Menschen bewegt. Auch ein Schauspieler will die Menschen mit Worten und Gesten berühren.
Die Figur des Heiligen bereitet allerdings auch Schwierigkeiten: Wenn Franziskus in seiner Predigt darüber spricht, dass Gott Krankheiten zulässt, um Gutes zu bewirken, dann muss der Akteur um die richtige Umsetzung ringen. Aber dass ihm der Mann aus Assisi an das doch irgendwie religiöse Herz gewachsen ist, spürt er schon.
Bühnen in den Schatten. Und wo anders kann ich in der Natur spielen, reiten und singen? Nur wenn der gebürtige Bonner bei den vielen Kleiderwechseln zu lange Wege zurückzulegen hat, dann stöhnt er schon mal über die Dimensionen in der Ex-Kiesgrube. Schließlich möchte er nicht atemlos die nächste Szene beginnen.
Mit dem Sonnengesang von Franziskus endet der Ötogheimer Bilderbogen aus dem Leben eines (katholischen) Heiligen. Und dieser Text ist sogar in moderner Umsetzung in das Evangelische Gesangbuch eingeflossen. Wie Franziskus überhaupt auch von den Protestanten mit großem Respekt betrachtet wird und als Vorbild gilt. Bei den Hindus ist der 1226 im Alter von 44 Jahren gestorbene Italiener eine der bekanntesten christlichen Figuren. Der von ihm gegründete Orden ist nach den Benediktinern der stärkste in Deutschland. Die braune Kutte und ein Strick mit drei Knoten als Gürtel bilden den Habit, die traditionelle Kleidung der Franziskaner. Eine kleine Niederlassung hat sich auch im Rastatter Münchfeld erhalten. Drei Patres leben im modernen Klostergebäude im toskanischen Stil im Münchfeld. Ihr Vorsteher oder Guardian (wörtlich Wächter) ist Pater Anton Hoffmann, gleichzeitig Pfarrer der Herz-Jesu-Pfarrei. Die Krankenhaus- und früher auch Gefängnis-Seelsorge gehört zu den Aufgaben der Rastatter Franziskaner. Zu ihrer Tradition gehört es schließlich, die kleine Klosterwelt zu verlassen, in die Welt zu gehen und den Menschen beizustehen – so wie es Franz von Assisi getan hat.
(DER SONNTAG, 22. Juni 2008)

 

Francescos Sonnengesang

von Stefan Jehle

Franz von Assisi wurde 1181 oder 1182 in der umbrischen Stadt Assisi geboren. Das liegt irgendwo zwischen Olivenbäumen, auf halber Strecke zwischen Florenz und Rom in einer der schönsten Ecken Italiens. Die Eltern des Franz von Assisi waren der wohlhabende Tuchhändler Pietro Bernardone und seine Frau Pica. In Ötigheim, der größten Freilichtbühne Deutschlands, wird Franz von Assisi von dem Baden-Badener Schauspieler Ronald Spiess dargestellt. Rund 500 Laiendarsteller gesellen sich rund um ihn herum auf der weitläufigen Bühne.
Der Erzählung nach gab ihm, der eigentlich auf den Namen Giovanni (deutsch: Johannes) getauft war, sein Vater den Rufnamen Francesco (Franzose). Francesco, der reiche Zögling, wurde nach wilden Jugendjahren, zum Aussteiger. Später nannte man ihn den Narr Gottes.
Franz von Assisi, das Stück, das in Ötigheim am 14. Juni Premiere hatte, zog schon zig tausende Zuschauer in den Bann. Und das nicht nur der Schauspieler wegen – mindestens ebenso imposant ist die Geschichte des Rebellen, des Revoluzzers, der sich gegen Konventionen auflehnt. Franz genoss eine für einen Bürgerlichen vergleichsweise hohe Bildung: offenbar weil sein Vater davon ausging, dass er als Kaufmann Lesen, Schreiben und Rechnen können müsse. In seiner Jugend führte Franz ein ausschweifendes Leben, mit dem Geld seines Vaters hielt er seine Altersgenossen bei Festen frei und war damit oft der Mittelpunkt der Feiern. Im November 1202 zog er mit Assisi in einen Krieg gegen die Nachbarstadt Perugia, wobei Assisi unterlag. Zwei Jahre war er in der Folge in Haft, das hatte ihn erschüttert und gewandelt.
Franziskus entsagte den Reichtümern seines Vaters, zog sich ein Büßergewand an und kümmerte sich um die Aussätzigen. Er wurde zum Freund jeder Kreatur, Bettelmönch, Wohltäter und vor allem Botschafter für seinen Glauben. Eine Schlüsselbotschaft wurde gleich am Anfang des Stückes kommuniziert: Er sollte die verfallene Kirche seines Gottvaters erneuern – erst später wurde ihm bewusst, dass es sich dabei um die damals mehr als tausendjährige Weltkirche ansich, und nicht um ein kleines Kirchlein im beschaulichen Assisi kümmern sollte.
Er wurde zur Bedrohung durch sein beispielhaftes Leben. Francesco alias Ronald Spiess, wurde vom beschwingten, ausschweifend Lebenden jungen Menschen zum Gründer des Franziskanerordens. Das Leben des schon bald nach seinem Tod Heilig gesprochenen Franz von Assisi steht ganz im Zeichen und in der Nachfolge der Botschaft von Jesus Christus. Das Stück, in Ötigheim inszeniert von dem österreichischen Volksstückschreiber Felix Mitterer, beeindruckt durch die Botschaft des Francesco, von der sich offenbar auch die zahlreichen Laiendarsteller mitreißen ließen. Dem Schauspielprofi Ronald Spiess in der Titelrolle gelingt es vorzüglich, das wechselhafte Wesen des zuerst schillernden, dann beispielhaften Heiligen authentisch zu verkörpern. An seiner Seite überzeugten Carolin Friedrich – im Wechsel mit Tanja Paha als Clara, der jungen Adeligen, die Francescos große Liebe ist und auch Hannes Beckert, als seinem Vater Pietro Bernardone. Es sind auch dieses Mal wieder pompöse Massenszenen, Chorgesänge, unzählige Tiere, bunte und wallende Gewänder, die bis zu 4.000 Zuschauerinnen und Zuschauer bei jeder Aufführung in den Bann ziehen.
Auch die Klischees fehlen nicht: Es müssen wohl, wenn es um Araber geht, zwangsläufig Turban, Bauchtänzerinnen und Perserteppiche sein. Das sei, sagt einer der Laiendarsteller, auch den verschiedenen Gruppierungen des Theater spielenden Dorfes Ötigheim geschuldet. Auch die Ballettgruppe will auf der Bühne vertreten sein.
Gleichwohl das Publikum dann und wann eher betagt scheint, auch zahlreiche Nonnen und Ordensgeistliche unter den Zuschauern weilen: Vor einer allzu bigotten Volksfrömmigkeit bleibt diese Inszenierung von Felix Mitterer bewahrt. Dafür sorgen schon zahlreiche Pointen, verbale Spitzen und eine zeitlose Botschaft vom Narr Gottes, der selbst die Vögel des Himmels besang und damit seinem Leben heitere Beschwinglichkeit gab – auch mit seinem bekanntesten, der Nachwelt erhaltenen Gebet, dem Sonnengesang.
(KA-NEWS, 13. Juli 2009)

 

Kürzungen wären angebracht

von Dieter Schnabel

Als Narr verspottet erwidert er: Der Narr sagt die Wahrheit und der durch Clara sehend Gewordene, gegen Ende seines Lebens zunehmend von einem Augenleiden geplagte Stigmatisierte, meint: Eines Tages hoffe ich, der Narr Gottes zu sein. Und so nennt der 60-jährige, in Irland lebende, Tiroler Autor Felix Mitterer sein Theaterstück Franz von Assisi im Untertitel zu Recht Der Narr Gottes. Bei den Volksschauspielen Ötigheim fand die Uraufführung der Auftragsarbeit in 21 Bildern statt.
In der Art des epischen Theaters, aber voll Dramatik im Geschehen, zeichnet Felix Mitterer das Leben des Anfang der 80er Jahre des zwölften Jahrhunderts in Assisi geborenen, 1226 dort gestorbenen Giovanni Bernardone, der bereits zwei Jahre nach seinem Tod heilig gesprochen, als Franziskus von Assisi und als Gründer des gemeinhin nach ihm als Franziskaner bezeichneten Orden der Minderen Brüder – Ordo Fratrum Minorum (OFM) – in die Geschichte eingegangen ist.
Beginnend mit dem unbeschwerten Treiben des Sohns eines wohlhabenden Tuchhändlers bis zum Abschiedsgebet Der Sonnengesang erzählt Felix Mitterer, an Hand der historischen Überlieferung die Wahrheit der Wirklichkeit mit dichterischer Freiheit gestaltend, das Leben des Titelhelden seines Volksschauspiels. Die Schlacht zwischen Assisi und Perugia, in der er auf der Seite der Verlierer ist, eingekerkert wird und erst nach zwei Jahren gegen Lösegeldzahlung seines Vaters freikommt, bringt Giovanni die Wende, die die Adelige Clara, seine heimliche Liebe, durch ihren Besuch im Gefängnis bewirkt. Fortan Francesco, verkauft er Waren zur Renovierung einer Kapelle und gerät dadurch mit seinem Vater in Streit. Vor dem Richterstuhl des Bischofs von Assisi entkleidet er sich, verzichtet auf sein Erbe und will in Armut leben. Als Wanderprediger zieht er mit seinen Gefährten umher und verkündet das Evangelium. Ein Besuch in Rom bringt ihm vom Papst Innozenz III. die vorläufige Anerkennung seiner Bruderschaft. Francesco predigt des Vögeln, er reist ins Heilige Land und wirbt bei Sultan Melek für den Frieden. Inzwischen hat er für Clara und ihre Schwestern eine Gemeinschaft gegründet. Mit der ersten Krippenfeier des Abendlandes will er ein Beispiel geben. Dann gibt er die Leitung des Ordens ab.
Auf der riesigen Ötigheimer Freilichtbühne ist in der Mitte eine große romanische Kirche mit drei Rosetten an der Vorderwand zu sehen. Von ihr führt eine breite Freitreppe hinab. Links davon steht eine Bretterhütte, rechts ein einfaches Haus und ein Kirchlein. Auf der anderen Seite geht es architektonisch steil gestaltet nach oben, eine sanft ansteigende Wiese führt zu einer Kapelle und zu einer Steinhöhle, die später der Stall von Bethlehem ist. Diese ganze, von Fridolin Müller gestaltete Szenerie wird bespielt, dazu eine Vorbühne vor der 4000 Besuchern Platz bietenden, überdachten zuschauertribüne. Da bewegen sich Hunderte von Schauspielern, Protagonisten und Statisten als individualisierte Volksmasse, aber auch als kleine Rollenträger. Da wird gesungen und getanzt. Da sind Reiter, Esel, Schafe, Ziegen und Schweine ins volkstümliche-realistische Spiel integriert. Das Ganze ist großes Theater im eigentlichen Wortsinn, das von dem Regisseur Gerhard F. Brucker eindrucksvoll präsentiert wird. Bei einer Dauer von dreieinhalb Stunden, einschließlich einer Pause, wären jedoch Kürzungen durchaus angebracht. Auch könnte man auf den ein oder anderen pseudo-religiösen Zuckerguss gern verzichten – zumal bei dem auf Einfachheit bedachten Francesco.
Den Titelhelden spielt Ronald Spiess als einen pragmatischen, im Grund unkomplizierten, unbeirrt seiner Mission lebenden Mann, als einer von vielen, der sich aber, im Gegensatz zu diesen, des rechten Wegs bewusst und sicher ist. Eine engelsgleiche mit klarer Diktion aufwartende, sympathisch-attraktive Clara ist Carolin Friedrich. In braunen Sackleinen-Kutten stehen Stefan Vogt, Markus Wild, Martin Kühn und Christoph Dettling, jeder mit eigenständigem Profil, Francesco sozusagen als erste Franziskaner zur Seite. Überzeugend verkörpern Günter Vogt den Sultan, Werner Bouché einen Korangelehrten, Hannes Beckert und Bernadette Kölmel die Eltern Francescos, Gerlinde Minkus eine aussätzige Frau, Kurt Züg den Bischof von Assis, Peter Weingärtner Papst Innozenz III., Hermann Schorpp Kardinal Giovanni Colonne und Heinz-Peter Löffler Kardinal Asculo. Ein Sonderlob verdient der 80-jährige Horst Herrmann, eine Persönlichkeit unter den Volksschauspielern, der mit kraftvoll-klarer Stimme den Kardinal Tomaso in der leider mit Mikroports ausstaffierten Aufführung gibt.
(FRÄNKISCHE NACHRICHTEN, 19. August 2008)

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